Messiaserwartung - Judentum vs. Christentum

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Messias
  2. Die messianische Zeit
  3. Die messianische Person
  4. Vorzeichen des Messias
  5. Jesus aus dem Hause Davids?
  6. Erfüllt Jesus die Prophetien im Matthäusevangelium?.

Abkürzungen

LXX = Septuaginta
MT = Masoretischer Text
AT = Altes Testament
NT = Neues Testament

Verwendete Bibelstellen

Die angegebenen Bibelstellen entstammen, wenn nicht anders angegeben, der revidierten Elberfelder Übersetzung von 1985 oder 2006. Zitate aus er LXX stammen aus der Septuaginta Deutsch 2009.

Einleitung

Diese Ausarbeitung soll zeigen, welche Vorstellung das Judentum vom Messias hatte und wie das Christentum versucht Jesus als Messias darzustellen. Dabei werden im Besonderen die Prophetien im Matthäusevangelium sowie Jesaja 53 genauer unter die Lupe genommen.

1. Der Messias

Messias ist die gräzisierte Form des hebräischen מָשִׁיחַ (Maschiach), welches in Griechisch mit Christos (Χριστός) und in Latein mit Christus wiedergegeben wird (siehe auch Joh. 1,41; 4,25). Die wörtliche Übersetzung bedeutet „Gesalbter“ (ohne Artikel). In der Bibel steht das hebr. Wort Messias immer ohne Artikel. Die einzige Ausnahme davon ist im dritten Buch Mose (Levitikus). Dort geht es aber immer um den gesalbten Priester. Z. B: 3. Mo. 4,3 „Wenn etwa der Priester, der gesalbt ist, sündigt…“ (הַכֹּהֵן הַמָּשִׁיחַ).

In der Bibel gibt es zwei Personengruppen[1], die gesalbt werden: Könige (1. Sam. 10,1; 24,7; 2. Sam. 23,1) und Priester (3. Mo. 6,13; 21,10). Wenn also in der Bibel das Wort Messias gebraucht wird, ist an erster Stelle an eine dieser Personen zu denken.

2. Die messianische Zeit

Die Bibel spricht eindeutig von einer eschatologischen bzw. messianischen Zeit. Was in dieser Zeit passieren wird ist auch ziemlich eindeutig beschrieben. Meist wird diese Zeit mit den Worten „am Ende der Tage“, „an jenem Tag“ oder einer ähnlichen Phrase eingeleitet.

  1. B.: Jes. 2,2-4: „Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses des HERRN feststehen als Haupt der Berge und erhaben sein über die Hügel; und alle Nationen werden zu ihm strömen. Und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns aufgrund seiner Wege belehre und wir auf seinen Pfaden gehen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem. Und er wird richten zwischen den Nationen und für viele Völker Recht sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Nicht mehr wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.“

Die Prophezeiung wird entsprechend eingeleitet und zeigt u. a., dass alle Nationen nach Jerusalem kommen werden, dass aus Zion Weisung ausgehen wird und dass Gott Recht sprechen wird. Ebenso wird es Frieden und keinen Krieg mehr geben. Viele andere Bibelstellen bestätigen diese Sicht und in manchen Stellen erhält man weitere Informationen, wie z. B. dass die zerstreuten Juden wieder ins Land zurückgeführt werden (Jes. 11,12; 27,13) oder der Tempel, in einer größeren Ausprägung, wiederhergestellt wird (Hes. 40-47).

3. Die messianische Person

Es gibt aber auch Stellen, welche einen zukünftigen Herrscher beschreiben. Deutlich wird dies z. B. in Jes. 11,1-10. Hier wird gezeigt, dass diese Person aus dem Hause Isais sein wird, dass auf ihm der Geist des HERRN ruhen wird, dass er richten wird und dass es Frieden geben wird.

Ähnlich heißt es in Jer. 23,5-6: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da werde ich dem David einen gerechten Sproß erwecken. Der wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit im Land üben. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR, unsere Gerechtigkeit«.“

Siehe dazu auch Hesekiel 34,23-27 und 37,24-28.

Dieser zukünftige Herrscher wird als König in Jerusalem regieren und darum, da Könige gesalbt werden, wird dieser Herrscher auch Messias (Gesalbter) genannt.

Die Bibel ist hier sehr deutlich was dieser Messias, der am Ende der Tage auftreten wird, alles tun muss und welche Erwartungen es an ihn gibt:

  • Er muss Jude sein (5. Mose 17,15)
  • Er muss aus dem Stamm Juda kommen (1. Mose 49,10)
  • Er muss ein Nachkomme von David und Salomo sein (1. Chronik 17,11; 2. Chronik 7,18)
  • Er muss König sein (Jeremia 23,5)
  • Er muss die Juden aus dem Exil in Israel sammeln (Jesaja 11,12; 27,13)
  • Er muss weltweiten Frieden bringen (Jesaja 2,4; Micha 4,3)
  • Manche meinen noch er muss den Tempel aufbauen (Sach. 6,12-13)

Da keine Person diese Prophetien bis jetzt erfüllt hat, warten die Juden heute noch immer auf den Messias. Dies ist auch der Hauptgrund, warum Jesus Christus von den Juden nicht als Messias anerkannt wird.

Anzumerken ist hier noch, dass in den prophetischen Stellen, die über den Messias sprechen, nirgendwo die Rede davon ist, dass man an diesen Messias glauben muss und dass dieser Messias für die Sünden des Volkes sterben wird[2]. Dies ist auch völlig logisch, denn er ist ein König, der die Menschen auf Gott hinweisen wird, er wird sie belehren (Micha 4,2) damit die Juden und die Nationen an Gott glauben und ihn (JHWH) anbeten. Die Vorstellung eines Königs oder Herrschers, der sich anbeten lässt, wäre im Judentum Gotteslästerung.

Da Jesus die alttestamentlichen Anforderungen an den Messias nicht erfüllt hat wurde von Christen die Theorie des zweiten Kommens entwickelt. Demnach wird Jesus die ausständigen Prophetien bei seiner Wiederkunft erfüllen. Hier gibt es jedoch folgende Probleme:

Das Alte Testament spricht nicht von einer zweiten Ankunft des Messias. Nirgendwo liest man etwas davon, dass der Messias wiederkommen wird, nachdem er für eine Zeit weggewesen ist.

Außerdem bestätigt oder bezeugt die Idee eines zweiten Kommens nicht automatisch die Messianität der Person bei seiner ersten Ankunft. Wenn man behaupten würde Simon bar Kochba[3] war der Messias würde der Einwand kommen „er kann nicht der Messias sein, da er ja von den Römern getötet wurde und die messianischen Erwartungen nicht erfüllt hat.“ Wenn man darauf antworten würde „aber er wird alles bei seinem zweiten Kommen erfüllen“, würde einem doch niemand Glauben schenken.

Die ersten Christen erwarteten das Anbrechen des Friedensreiches Gottes noch zur Zeit Jesu. Zacharias weissagte bereits in Lk. 1,74-74: „dass wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage.“ Jesus selbst sagte mehrmals „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“ (Mt. 3,2; 4,17; 10,7). Und in Mt. 24,34: „Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist.“

Als Jesus starb und es kein Friedensreich gab und die Römer noch immer die Juden unterdrückten, hofften die Christen auf eine baldige Rückkehr Jesu. Selbst Paulus schrieb noch zuerst in 1. Thess. 4,15: „Denn dies sagen wir euch in einem Wort des Herrn, dass wir, die Lebenden, die übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden.“ Er erwartete Jesu Ankunft also noch zu seinen Lebzeiten. Erst im 2. Thess. 2 korrigiert Paulus dann die Erwartung einer baldigen Wiederkunft und meint es müsse vorher der Abfall kommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit geoffenbart werden.

Eine ähnliche Naherwartung hatte auch Johannes in 1. Joh. 2,18 wo er schreibt „Kinder, es ist die letzte Stunde“ oder später in seiner Offenbarung „ich komme bald“ (Off. 3,11; 22,7; 22,12; 22,20).

Dieses „bald“ und diese „letzte Stunde“ dauern aber mittlerweile schon 2000 Jahre an.

4. Vorzeichen des Messias

In Maleachi 3,23 heißt es: „Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, bevor der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare. Und er wird das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern umkehren lassen, damit ich nicht komme und das Land mit dem Bann schlage.“

Bevor der Tag des HERRN anbricht muss also der Prophet Elia kommen. Diese Prophetie war allen bekannt und die Juden im 1. Jhdt. erwarteten darum auch sehnsüchtig Elia (siehe Mk. 6,15; 15,35). Da Jesus allerdings gekommen ist ohne, dass der Prophet Elia aufgetreten ist, entwickelte sich die Idee, dass doch Johannes der Täufer dieser Elia sein könne. So sagt Jesus in Mt. 11,14 über Johannes: „Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elia, der kommen soll.“ und in Mt. 17,11-12 „Ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach.“.

Es ist leicht im Nachhinein von einem neutestamentlichen Schreiber zu behaupten, dass Johannes Elia war, aber wenn man sich den Bericht aus dem Johannesevangelium ansieht, wird deutlich, dass Johannes der Täufer selbst dies nicht dachte. In Joh. 1,21 fragen die Juden Johannes den Täufer, „Bist du Elia?“ und Johannes antwortet mit „nein“!

Man kann nun einwenden, dass ja in Lk. 1,17 behauptet wird, dass Johannes im Geist von Elia gekommen ist. Aber auch hier gibt es Probleme. Erstens spricht Maleachi deutlich von einem physischen Kommen Elias und zweitens erwarteten die Juden demnach auch eine physische Person. Im Nachhinein zu behaupten Elia ist nur im Geiste wiedergekommen wiederspricht also der Prophetie aus Maleachi.

Man könnte nun weiter versuchen einzuwenden, dass Elia ja am Berg der Verklärung erschienen ist. Aber auch hier erfüllt sich nicht die Prophetie aus Maleachi, denn Elia soll eine Bekehrung der Herzen der Väter und Söhne bringen. Aber dies ist offensichtlich nicht geschehen.

5. Jesus aus dem Hause Davids?

Wie schon oben erwähnt muss der Messias aus dem Hause Davids sein, das heißt ein direkter Nachkomme vom ihm (Jer. 33,17; 1. Chronik 17,11; 2. Chronik 7,18). Das Neue Testament verwendet dazu auch fast 2 Kapitel, um zu zeigen, dass Jesus von David abstammt.

Nachdem Matthäus in Kap. 1,1-17 aufgezeigt hat, dass Josefs (Jesu Vater) Abstammungslinie auf David zurückgeht, sagt er jedoch in V. 20 dass Maria nicht durch Josef, sondern durch den Heiligen Geist schwanger wurde[4]. Maria, so behauptet das Matthäusevangelium, war Jungfrau[5] und Josef demnach nicht der leibliche Vater!

Interessant ist auch, dass Jesus von Matthäus nicht als Sohn Josefs bezeichnet wird. In Mt. 2,13.20 spricht der Engel zu Josef „Steh auf, nimmt das Kind und seine Mutter zu dir…“ Auch der Engel verwendet nicht den Begriff „Sohn“, sondern nennt Jesus einfach „das Kind“.

Man kann nun einwenden, dass Jesus zwar nicht der leibliche Vater, dafür aber rechtlich gesehen der Vater war, da er Jesus adoptiert hat[6]. Aber auch hier gibt es Probleme. Nirgendwo in der Bibel findet man die Legitimation, dass jemand durch Adoption die Stammeslinie weitertragen dufte. Um z. B. Priester zu sein musste der leibliche Vater auch Priester sein, eine Adoption würde hier nichts bringen.

Es gibt hier aber auch noch ein weiteres Problem. Josefs Abstammungslinie zu David geht über einen Vorfahren namens Jojachin. Über diese Person heißt es aber in Jer. 22,30: „So spricht der HERR: Schreibt diesen Mann auf als kinderlos, als einen Mann, dem nichts gelingt in seinen Tagen! Denn von seinen Nachkommen wird es nicht einem gelingen, auf dem Thron Davids zu sitzen und weiterhin über Juda zu herrschen.

Da Jojachin tat was böse war in den Augen des HERRN, wurden seine Nachkommen von der Königslinie ausgeschlossen. Der Messias, der auf dem Thron Davids sitzen soll, durfte demnach kein Nachkomme von Jojachin sein!

Nun wird oft behauptet, dass Jesu Abstammungslinie auch über seine Mutter Maria bis zu David reicht. Aber auch hier gibt es ebenfalls Probleme.

Erstens erwähnt der alternative Stammbaum in Lk. 3,23-38 Maria gar nicht. Rein textlich gesehen gibt der Stammbaum ebenfalls den Stammbaum von Josef wieder, allerdings einen anderen.

Zweitens geht im ganzen AT die Abstammungslinie immer über den Vater und nicht über die Mutter (siehe 4. Mo. 1,18; 1. Chr. 17,11). Man sieht dies auch in 2. Kö. 11,1-3, wo Atalja ausschließlich alle männlichen Nachkommen ermorden lässt und nicht die weiblichen.

Drittens deuten 1. Chr. 17,12-14; 22,9-10; 2. Chr. 6,16 und 7,18 darauf hin, dass die Abstammungs­linie über Davids Sohn Salomo gehen soll und nicht über Nathan, wie es aber im Stammbaum von Lukas heißt.

Viertens liest man in Lk. 3,27 dass der Stammbaum über Serubbabel und Schealtiël geht. Diese beiden Personen waren nach Mt. 1,12 und 1. Chr. 3,17-19 aber ebenfalls Nachkommen von Jojachin, von dem Gott gesagt hat, dass seine Nachkommenschaft nicht auf dem Thron sitzen werden.

Wir sehen also, dass beide Stammbäume, in Matthäus und Lukas, Jesus als legitimen Nachkommen Davids und somit als messianischen Herrscher disqualifizieren.

Erfüllt Jesus die Prophetien im Matthäusevangelium?

Matthäus versucht in seinem Evangelium (Dass es Matthäus geschrieben hat, ist eine spätere Zuweisung durch Papias von Hierapolis. Das Evangelium selbst ist ohne Verfasserangabe.) in fast jedem Kapitel Prophetien aus dem AT aufzuzeigen, die sich dann in Jesus erfüllt haben sollen. Betrachtet man allerdings diese Prophetien zeigt sich, dass diese meist Zitate völlig aus dem Kontext gerissen werden, etwas anderes behaupten, oder es dabei gar nicht um eine Prophetie oder den Messis geht.

Kap. 1,22-23

Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: »Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen«, was übersetzt ist: Gott mit uns.

Matthäus bezieht sich hier auf Jesaja 7,14 dort heißt es „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.“

Schauen wir uns die Stellen nun genauer an. In Jesaja heißt es, dass „sie“ (3. Person feminin Singular), also die schwangere Frau, dem Kind einen Namen geben wird. In Matthäus heißt es hingegen „sie“ (3. Person Plural), gemeint sind damit entweder die Eltern oder das Volk.

Auffällig ist, dass Jesus im NT gar nicht Immanuel genannt wird. Niemand nennt ihn so, nicht einmal seine Eltern. Im Gegenteil, Josef bekommt von einem Engel den Auftrag ihn Jesus zu nennen und nicht Immanuel (Mt. 1,21). Demnach hat sich der zweite Teil der Prophetie nicht in Jesus erfüllt.

Werfen wir nun einen Blick auf den ersten Teil. Hier ist laut Matthäus von einer Jungfrauengeburt die Rede. Der hebräische Text wiederspricht diesem Gedanken jedoch. In Jesaja 7,14 steht für das Wort, das im Deutschen mit Jungfrau übersetzt wird הָעַלְמָה (ha'almah). Dieses Wort bedeutet einfach „junge Frau“ oder „Mädchen“, ohne etwas darüber auszusagen, ob sie bereits sexuelle Erfahrung hatte oder nicht[7]. Was den wenigsten bewusst ist, ist dass es im Hebräischen ein eigenes Wort dafür gibt, um eine Frau zu beschreiben, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Dieses Wort heißt בְּתוּלָה (bethulah) und bezeichnet eine echte Jungfrau (siehe Gen. 24,16).

Wenn Gott also mit dem Vers in Jesaja 7 sagen wollte, dass eine Jungfrau, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte, schwanger wird, dann hätte er das Wort בְּתוּלָה (bethulah) verwenden müssen! Denn nur mit diesem Wort ist es ein übernatürliches Zeichen.

Nun kann man die Frage stellen, warum versteht Matthäus das Wort aber als Jungfrau und verwendet den Vers als Prophetie. Die Antwort ist, weil er vermutlich Jes. 7,14 in der LXX gelesen hat. Dort heißt steht das Wort παρθένος (parthenos)[8], welches normalerweise mit Jungfrau übersetz wird. Wenn man sich jedoch die Verwendung des Wortes παρθένος in der LXX ansieht, stellt man fest, dass die LXX dieses Wort auch für eine Frau verwendet, die bereits Geschlechtsverkehr hatte. In 1. Mo. 34,2 wird Dina von Sichem vergewaltigt. Trotzdem wird im folgenden Vers Dina als παρθένος bezeichnet, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt keine Jungfrau mehr war. Die Übersetzung der LXX ist also nicht falsch, jedoch das Verständnis von Matthäus was dieses Wort betrifft.

Um zu verstehen, was der Abschnitt in Jesaja 7 eigentlich sagen möchte, wäre es gut sich den Kontext anzusehen. Gott verheißt dem König Ahas, dass die Könige Rezin und Pekach, die vor Jerusalem lagerten, die Stadt nicht einnehmen werden und er nicht sich vor diesen Königen fürchten muss. Als Zeichen dafür wird die[9] junge Frau schwanger werden und ehe der Sohn erwachsen ist (V. 16) werden die zwei Könige das Land Juda verlassen haben. Der Name des Sohnes soll Immanuel heißen was „Gott mit uns“ bedeutet, um zu zeigen, dass Gott mit Ahas und dem Volk ist.

In der jüdischen Auslegung wird das Kind als ein Kind von Jesaja gedeutet, denn es heißt im nächsten Kapitel „Siehe, ich und die Kinder, die der HERR mir gegeben hat, wir sind zu Zeichen und zu Wundern in Israel geworden“ Gott will Ahas ein Zeichen geben (Jes. 7,14) und Jes. 8,18 macht deutlich, dass sich dieses Zeichen in einem Sohn von Jesaja erfüllt hat. Im Kontext dieses Abschnitts geht es hier also nicht um den Messias oder sein Reich, sondern um einen historischen Bericht zur Zeit von Ahas.

Wie könnte die Geburt Jesu über 700 Jahre später auch ein Zeichen für Ahas sein? Das würde im Kontext gar keinen Sinn machen. Generell ist es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, eine Behauptung, man war während der Geburt noch Jungfrau, überhaupt zu überprüfen. Wie könnte so ein Zeichen von Menschen überprüfen werden? Niemand der Jesus begegnete konnte überprüfen, ob er wirklich von einer Jungfrau geboren wurde.

Signifikant ist auch wie Josef reagierte, als er sah, dass Maria schwanger war. Sagte er „Wunderbar, du bist die Jungfrau, die den Messias zur Welt bringen wird?“ Nein, er versuchte sich von ihr zu trennen da ihm die Idee, seine Frau könnte ja den Messias zur Welt bringen, überhaupt nicht in den Sinn kam.

Kap. 2,6

Und du, Bethlehem, Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorkommen, der mein Volk Israel hüten wird.“

Matthäus bringt hier ein Zitat, dass an Mi. 5,1 angelehnt ist. Dort heißt es: „Und du, Bethlehem Efrata, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist, aus dir wird mir <der> hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.“

Jedoch verdreht Matthäus den Text. Der Prophet Micha sagt, dass Bethlehem unter den Tausendschaften von Juda eine kleine Stadt ist[10]. Matthäus hingegen sagt, dass Bethlehem keineswegs eine kleine Stadt ist.

Im Gegensatz zu vielen anderen Zitaten spricht dieser Vers wirklich von einem herrschenden Messias der Frieden bringen wird. Was Micha aber auch aufzeigt ist, dass dieser Herrscher nicht göttlich sein wird. Dies wird deutlich in V. 3 wo von „seinem Gott“ die Rede ist, also vom Gott des Messias.

Auch die Übersetzung wonach der Herrscher seinen Ursprung in der Ewigkeit haben sollt ist mehr als fraglich. Betrachtet man nämlich Parallelstellen wo die Wörter מִקֶּ֖דֶם מִימֵ֥י oder מִימֵ֥י עֹולָֽם zusammen vorkommen, dann geht es hier immer um eine Zeit, die schon länger zurück liegt, die aber mit der Ewigkeit an sich nichts zu tun hat. Siehe z. B. Mi. 7,20; Ps. 77,6; Klgl. 1,7; 5. Mo 32,7; Jes. 63,11 u.a.
Dies dürfte auch Matthäus vor ein Problem gestellt haben, welcher daraufhin den Teil einfach weglässt und einen Text einbaut, den er sich anscheinend ausgedacht hat. Er schreibt nämlich "der mein Volk Israel hüten wird". Weder im MT noch in der LXX ist dies zu finden.

Nun kann man sich die Frage stellen, was Jesus hier eigentlich genau erfüllt hat. War er Herrscher über Israel wie in V. 1 angekündigt? Sind zu seiner Zeit die Söhne Israels aus der Zerstreuung zurückgekehrt wie in V. 2 angekündigt? Wohnten die Israeliten in Frieden und war ihr Reich so groß, dass es bis an die Enden der Erde reichte, wie in V. 3 angekündigt? All diese messianischen Verheißungen hat Jesus nicht erfüllt. Lediglich wird im NT deutlich, dass er in Bethlehem geboren wurde, aber das trifft auf tausende andere Männer auch zu.

Fraglich ist auch, warum Josef mit Maria überhaupt nach Bethlehem ziehen musste. Das Lukasevangelium behauptet wegen der Einschreibung (Zensus) zur Zeit Qurinius[11]. Aber warum musste man dafür in die Geburtsstadt wandern? Was macht das für einen Sinn alle Einwohner Israels quer durchs Land zu schicken? Bei einem Zensus ist man interessiert zu erfahren, wie viele aktuelle Einwohner eine Stadt oder ein Land hat. Dabei ist es völlig irrelevant woher irgendwelche Vorfahren stammen. Man möchte die derzeit dort wohnenden Leute zählen. Und wenn Josef aus Bethlehem stammte, warum nahm ihn dann niemand dort auf? Hatte er dort keine Verwandten mehr? Und warum musste die hochschwangere Maria mitziehen?

Der Bericht im Matthäusevangelium in Kapitel 2 birgt aber noch weitere Problem. Matthäus berichtet nicht davon, dass Josef und Maria aus Nazareth stammen. Die Geschichte beginnt bei Matthäus in Bethlehem und es scheint so als wäre das ihr Heimatort. Von Bethlehem ziehen sie nach Ägypten und als Herodes gestorben ist, wollen sie zurück nach Judäa (Bethlehem liegt hier) ziehen (V. 22). Josef hört jedoch, dass dort Archelaus der Sohn von Herodes regiert und fürchtet sich dorthin zu ziehen. Er erhält eine göttliche Weisung und zieht deswegen nach Galiläa in eine Stadt namens Nazareth, wo Jesus dann aufwächst.

Wenn Josef aber bereits ursprünglich aus Nazareth ist, wie Lukas es behauptet und nur kurz nach Bethlehem zog wegen dem Zensus, und er dort keine Verwandtschaft hatte, warum will er dann nach dem Aufenthalt in Ägypten wieder zurück nach Judäa (Bethlehem) ziehen? Das macht überhaupt keinen Sinn! Würde er von Ägypten in seine Heimat nach Nazareth ziehen wollen, dann bräuchte er sich ja gar nicht vor Archelaos fürchten, da der nicht über Galiläa herrschte. Lukas hingegen berichtet, dass die Familie alljährlich nach Jerusalem zog, um dort das Passa zu feiern, was ja auch vom Gesetz Moses her verpflichtend war. Wenn Josef Angst vor Archelaos hatte, warum zog er dann jährlich nach Jerusalem? Es scheint als wären sich Matthäus und Lukas hier nicht ganz einig in ihrer Berichtserstattung.

Lukas 2: Nazareth » Bethlehem » Nazareth
Matthäus 2: Bethlehem » Ägypten » Bethlehem » Nazareth

Kap. 2,15

Und er war dort bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Matthäus behauptet hier, dass es schon hunderte Jahre vor Jesus eine Prophezeiung gab, die besagt, dass der Messias aus Ägypten gerufen wird. Sieht man sich die besagte Stelle in Hos. 11,1 an, geht es dort um das Volk Israel, dass Gott aus Ägypten befreit.

Als Israel jung war, gewann ich es lieb, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Es geht in dem Abschnitt in Hosea nicht um den Messias und es ist auch keine Prophetie! Matthäus reißt den Vers völlig aus seinem Kontext, zitiert nur einen Teil des Satzes und missbraucht diesen als Prophetie. Jeder Gläubige, der heute so die Bibel auslegen würde, würde sofort auf seinen Fehler aufmerksam gemacht werden.

Außerdem widerspricht der Bericht in Matthäus, dass Jesus und seine Eltern in Ägypten waren, dem Bericht in Lukas 2,39. Lukas behauptet nämlich, dass die Familie nach Jesu Darstellung im Tempel zurück nach Galiläa zog und nicht nach Ägypten.

Kap. 2,17-18

Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: »Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und viel Wehklagen: Rahel beweint ihre Kinder, und sie wollte sich nicht trösten lassen, weil sie nicht <mehr> sind.«“.

Hier behauptet Matthäus, dass der Kindermord[12] in Bethlehem bereits vom Propheten Jeremia angekündigt wurde. Matthäus zitiert hier korrekt aus Jer. 31,15 aber reißt den Vers wieder aus seinem Kontext. In der Jeremiastelle geht es um die Kinder Israel, die in babylonischer Gefangen­schaft sind, die Gott aber wieder nach Hause holen wird. Es geht hier also nicht um Kinder, die getötet werden und es geht auch nicht um den Messias.

Die Frage stellt sich auch, warum Herodes alle Kinder in Bethlehem umbringen lassen sollte. Warum sollte er hunderte Kinder[13] umbringen lassen und sich den Ärger der Bevölkerung zuziehen, wenn er ganz einfach einen einzelnen Königsanwärter jederzeit später beseitigen könnte?

Kap. 2,23

„… und kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth; damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: »Er wird Nazoräer genannt werden.«

Matthäus behauptet hier, dass die Propheten (Plural) davon gesprochen haben, dass der Messias Nazoräer genannt wird. Jedoch findet man diese Prophetie nirgendwo im AT. Die Stadt Nazareth wird außerdem kein einziges Mal im AT erwähnt.

Kap. 3,3

Denn dieser ist der, von dem durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: »Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade!«

Ob es sich hier um eine Prophetie über den Messias handelt, muss man zuerst klären, wer mit „dieser“ eigentlich gemeint ist. Handelt es hier um Jesus oder Johannes? Erfüllt Jesus oder Johannes oder sogar beide diese Prophetie? Liest man Joh. 1,23 ist es klar, dort wird die Prophetie eindeutig auf Johannes bezogen.

In Jesaja 40,3 woher das Zitat stammt heißt es: „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN! Ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!

Vom Hebräischen her ist es nicht eindeutig, ob es heißt „Stimme rufend[14] in der Wüste: …“ oder „Stimme rufend: In der Wüste …“ Weiters steht „Pfade“ bei Jesaja im Singular und nicht wie bei Matthäus im Plural. Interessant ist auch, dass Matthäus „für unseren Gott“ weglässt.

Dieses Jesajazitat haben übrigen die Leute aus Qumran bereits im 1. Jhdt. v. Chr. auf sich bezogen. In der Gemeinderegel 1QS VIII,14 wird der Vers zitiert, um zu untermauern, warum die Menschen in Qumran in der Wüste wohnen und dass sie den Weg des HERRN vorbereiten.

Kap. 4,14-16

„… damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet worden ist, der sagt: »Land Sebulon und Land Naftali, gegen den See hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen: Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Land und Schatten des Todes saßen, ist Licht aufgegangen.«

Hierbei handelt es sich um ein Zitat aus Jes. 8,23-9,1 wo es heißt: „Wie die frühere Zeit dem Land Sebulon und dem Land Naftali Schmach gebracht hat, so bringt die spätere den Weg am Meer, das <Land> jenseits des Jordan <und> den Kreis der Nationen zu Ehren. Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein großes Licht. Die im Land der Finsternis wohnen, Licht leuchtet über ihnen.“

Man sieht, dass der erste Teil des Zitates sehr frei wiedergegeben wird ist und der Vers vor allem aufgrund der geografischen Landschaft ausgesucht wurde, da Jesus sich gerade im Gebiet Sebulon und Naftali aufhält.

Die Verse in Jesaja beschreiben zwar die messianische Zeit wo der Messias herrschen und es Frieden geben wird, aber keiner der Verse in Jes. 9,2-6 hat sich in Jesus erfüllt. Interessanterweise behauptet auch kein Schreiber im NT, dass sich der bekannte Vers 5 in Jesus erfüllt hat[15].

Hat aber Jesus zumindest den V. 1 erfüllt? Matthäus will mit dem Zitat andeuten, dass dem Land Sebulon und Naftali ein großes Licht erschienen ist und ihre Finsternis erhellt wurde[16]. Jedoch beginnt Jesus erst nach diesem Zitat damit sein Evangelium zu verkündigen und erst nachher beruft er die ersten Jünger, mit denen er dann umherzieht. Die genannten Gebiete können also noch gar keine Heilsbotschaft erfahren haben, da Jesu Verkündigung erst in den folgenden Versen stattfindet.

Kap. 8,17

„…damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: »Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten.«

Das Zitat stammt aus Jes. 53,4: „Jedoch unsere Leiden – er hat <sie> getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen“.

Matthäus zitiert hier vermutlich aus dem masoretischen Text, da die LXX den Vers gänzlich anders wiedergibt. Warum er das hebräische Wort für „Schmerzen“ nicht korrekt zitiert bzw. übersetzt bleibt fraglich. (Ob Jesaja 53 messianisch zu deuten ist, dazu später mehr.)

Hier kann man aber schon mal die Frage stellen, warum ein Messias die Krankheiten anderer Menschen auf sich nehmen muss. An keiner anderen Stelle im AT wird das sonst über den Messias gesagt. Er könnte die Krankheit ja auch einfach heilen, so dass die Krankheit im Nichts verschwindet. Warum aber nimmt er sie auf sich? Welche theologische Absicht steckt da dahinter?

Wörtlich kann die Stelle jedenfalls nicht gemeint sein, denn Jesus war ja nicht krank oder litt an den Krankheiten von anderen Menschen.

Kap. 11,2-5

Als aber Johannes im Gefängnis die Werke des Christus hörte, sandte er durch seine Jünger und ließ ihm sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde werden sehend, und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt.“

Jesus sagt hier also, dass die oben genannten Taten ihn als Messias bestätigen sollen. Die Angaben sind aus verschiedenen Bibelstellen zusammengefügt.

In Jes. 35,5, woraus der erste Teil stammt, heißt es: „Sagt zu denen, die ein ängstliches Herz haben: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, <da ist> euer Gott, Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jauchzen wird die Zunge des Stummen. Denn in der Wüste brechen Wasser hervor und Bäche in der Steppe.“

Der Kontext der Stelle beschreibt die Endzeit, wenn es keine Krankheit und keine Bosheit mehr geben wird und die Menschen nach Zion heimkehren. In diesem Kontext werden diese Dinge passieren. Dass der Messias, die gesalbte Herrscherfigur, dies tun wird, davon steht hier aber nichts. Gott der HERR wird das schenken, aber erst nachdem die Rache und die Vergeltung Gottes gekommen ist.

Aussätzige werden gereinigt“ – Es gibt keine Stelle im AT, wo gesagt wird, dass der Messias Aussätzige reinigen wird.

„Tote werden auferweckt“ – Es gibt nur wenig Stellen im AT, die von einer Auferstehung sprechen. Vermutlich ist hier Jes. 26,19 gemeint, wo es heißt „Deine Toten werden lebendig“. Hier sind allerdings im Gegensatz zu V. 14[17] die gläubigen Juden als Kollektiv gemeint, die am Ende der Zeit auferstehen werden. Wieder liest man nichts davon, dass es sich hier um ein Zeichen des Messias handelt. Um einen Toten aufzuerwecken muss man auch kein Messias sein. Elia und Elisa haben beide Tote auferweckt. Außerdem ist es immer Gott der Vater, der auferweckt, selbst im NT (Apg. 5,30; Gal. 1,1).

„Armen wird gute Botschaft verkündigt“ – Ziemlich sicher ist hier an Jes. 61,1 gedacht. Der Kontext ist messianisch, aber das was im Rest des Verses und in den nächsten Versen steht, hat Jesus nicht erfüllt. Und nur weil man Armen eine gute Botschaft verkündigt, muss man noch kein Messias sein.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von Jesus erwähnten „Werke des Christus“ kein eindeutiges oder ausschließliches Zeichen für den Messias sind. Theoretische könnte sie jeder tun (Joh. 14,12). Jesu Jünger konnten dies alles (Mt. 10,8), ebenso wie falsche Christusse (Mt. 24,24). Und auch heute noch behaupten Menschen diese Werke zu tun, beispielsweise Daniel Kolenda[18], der Nachfolger von Reinhard Bonnke.

Kap. 12,16-21

 „Und er bedrohte sie, dass sie ihn nicht offenbar machten, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: »Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Recht verkünden. Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Straßen hören; ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht hinausführe zum Sieg; und auf seinen Namen werden die Nationen hoffen

Hierbei handelt es sich um ein Zitat aus Jes. 42,1-4. Dort heißt es: „Siehe, mein Knecht, den ich halte, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat: Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er wird das Recht zu den Nationen hinausbringen. Er wird nicht schreien und <die Stimme> nicht erheben und seine Stimme nicht hören lassen auf der Straße. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue bringt er das Recht hinaus. Er wird nicht verzagen noch zusammenbrechen, bis er das Recht auf Erden aufgerichtet hat. Und die Inseln warten auf seine Weisung.“

Abgesehen von ein paar Übersetzungsunterschieden ist die Frage, was Jesus hier erfüllt haben soll. Laut Matthäus soll dieses Zitat eine Erfüllung dessen sein, dass Jesus den geheilten Menschen verboten hat über ihn zu reden bzw. ihn offenbar zu machen. Aber der Text spricht gar nicht davon. Das Zitat passt hier bei Matthäus ganz und gar nicht in den Kontext, in dem es steht.

Es heißt in dem Zitat auch „noch wird jemand seine Stimme auf den Straßen hören“. Wie sollte das auf Jesus passen, der ja auch auf den Straßen gepredigt hat (Mt. 9,35; Lk. 19,5)?

Nach Jes. 42 ist der Knecht Gottes das Volk Israel, welches in V. 19 als blind bezeichnet wird. Auch die LXX ist hier deutlich an wen zu denken ist, wenn sie V. 1 mit „Jakob, mein Knecht, ich werde an ihm festhalten; Israel, mein Erwählter, angenommen hat ihn meine Seele. Ich habe meinen Geist auf ihn gegeben“ übersetzt.

Kap. 13,14-15

„… und es wird an ihnen die Weissagung Jesajas erfüllt, die lautet: »Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.«

Schlägt man dieses Zitat in Jes. 6,9-10 nach sieht man, dass es dort ein Wort von Gott an Jesaja ist, der dies als Gerichtswort zum Volk Israel sagen soll. Nichts in dieser Stelle deutet auf den Messias oder die Endzeit hin, oder dass es sich hier um Prophetie handelt.

Auch ist die Aussage theologisch im Kontext des NT äußerst fraglich. Gott möchte also, dass die Menschen seine Rede nicht verstehen und sich bekehren? Das steht im Wiederspruch zu vielen anderen Bibelstellen wie z. B. 1. Tim. 2,4; Tit. 2,11; Kol. 1,28.

Kap. 13,34-35

Dies alles redete Jesus in Gleichnissen zu den Volksmengen, und ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: »Ich werde meinen Mund öffnen in Gleichnissen; ich werde aussprechen, was von Grundlegung der Welt an verborgen war.«

Der hier erwähnte Prophet ist Asaph, der eigentlich Musiker ist (1. Chr. 16,4-5) und kein Prophet. Die zitierte Stelle ist Ps. 78,2. Wieder deutet nichts in dem ganzen Psalm auf den Messias hin. Es handelt sich lediglich um eine verständliche Kurz­geschichte des Volkes Israel. Die Wörter מָשָׁל (Spruch) und חִידָה (Rätsel) in V. 2 wären besser mit „Spruch tieferen Inhalts“ und „Lehrgedicht“ zu übersetzen, so wie es Gesenius[19] vorschlägt, denn nichts in dem Psalm ist ein Rätsel oder etwas das man nicht verstehen kann.

Matthäus zitiert hier den ersten Teil des Verses aus der LXX da hier das Wort παραβολαῖς (Gleichnisse) steht und er somit einen Anknüpfungspunkt hat. Das war es dann aber auch schon, mehr als dass zwei Wörter übereinstimmen ist hier nicht zu finden.

Kap. 21,4-5

Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und[20] <zwar> auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.«

Matthäus behauptet hier, Jesus ist deswegen auf einem Esel nach Jerusalem eingeritten, weil ein Prophet das bereits so angekündigt hat. Das Zitat dabei stammt aus Sach. 9,9. Dort heißt es:

Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin.“

Das Zitat ist etwas gekürzt. Das „jauchzen“ fällt weg und die Spezifizierung das es um Jerusalem geht. Erstaunlicherweise lässt Matthäus auch das „Gerecht und siegreich ist er“ weg. Gerade gerecht würde auf Jesus ja gut passen, siegreich hingegen würde wohl eher auf einen herrschenden König verweisen und wird deswegen weggelassen. Johannes der das Zitat ebenfalls verwendet (Joh. 12,15) kürzt es noch mehr bzw. zitiert es anders: „Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf einem Eselsfüllen.“ Von fürchten steht weder im MT noch im der LXX etwas. Der nächste Vers bei Johannes ist interessant, da heißt es „Dies verstanden seine Jünger zuerst nicht…“ Das zeigt, dass die Jünger das Zitat aus Sacharja nicht messianisch verstanden hatten. Wäre hier eine Prophetie gemeint, die der Messias erfüllen muss, würden sich die Jünger nicht wundern, warum Jesus auf einem Esel in Jerusalem einreitet.

Die Frage ist dann noch worauf er eigentlich ritt, auf der Eselin oder dem Jungtier oder auf beiden? Der Text in Matthäus ist hier jedenfalls nicht eindeutig[21]. Da in den Parallelberichten aber nur von dem jungen Esel die Rede ist, auf dem noch niemand geritten ist, muss man auch hier annehmen, dass er wohl auf dem männlichen Fohlen ritt. Jedoch sagt das Zitat „und auf einer Eselin reitend“, wobei die Eselin hier feminin ist.

Wirft man nochmals einen Blick in Sacharja 9 merkt man, dass das Zitat wieder aus dem Kontext entwendet ist und Matthäus nur einen Teil herauspickt, nämlich den, den eigentlich jeder erfüllen kann. Jeder kann auf einem Esel in Jerusalem einreiten und dies ist wahrscheinlich auch hunderte Mal am Tag passiert. Hingegen das, was nur Gott oder der Messias kann, nämlich Vers 10 „Und ich rotte die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerusalem aus, und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verkündet Frieden den Nationen.“, das hat Jesus nicht erfüllt.

Kap. 26,31

Darauf spricht Jesus zu ihnen: Ihr werdet euch alle in dieser Nacht an mir ärgern; denn es steht geschrieben: »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden.«

Nach dieser Aussage Jesu können die Jünger gar nicht anders als sich in der Nacht an Jesus zu ärgern, da dies ja bereits im AT so prophezeit bzw. vorherbestimmt war. Das Zitat stammt aus Sach. 13,7 wo es um ein zukünftiges Reich geht:

Schlage den Hirten[22], dass die Schafe sich zerstreuen!

Der Befehl Gottes „schlage“ (Imperativ) wird bei Matthäus und Markus zu einer Selbstaussage „ich werde schlagen“. Wieder ist der Vers aus dem Kontext genommen, denn weder das was davor steht noch das was danach steht hat Jesus erfüllt. Jesus bezieht lediglich einen Vers auf sich und behauptet, dass er dieser Hirte ist und die Jünger seine Schafe.

Der Vers sagt übrigens nicht, dass sich die Schafe an dem Hirten ärgern[23] werden! Der Vers sagt, dass sich die Schafe zerstreuen werden, was ja nicht wirklich passiert ist. Keiner der Jünger hat Jerusalem verlassen. Petrus ist Jesus gefolgt, Johannes war unterm Kreuz und die Jünger verharrten zusammen in einem Haus, als Jesus ihnen am ersten Tag erschien (Joh. 20,19).

Die Frage ist auch, wer dieser Hirte in Sacharja 13 ist. In Kap. 11 geht es um Hirten, die als Führer des Volkes identifiziert werden und in V. 15 prophezeit Gott, dass er dem Volk einen schlechten Hirten aufstehen lassen wird. In V. 17 wird ihm das Schwert angedroht. Die nächste und letzte Stelle im Buch Sacharja, wo es um einen Hirten geht, ist dann Kap. 13,7 und hier beginnt der Vers mit „Wach auf, Schwert, gegen meinen Hirten…“ Man kann nun schlussfolgern, dass es hier um den schlechten Hirten aus Kap. 11 handelt, der nun gerichtet wird und nicht um den Messias.

Kap. 27,9-10

Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: »Und sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis des Geschätzten, den man geschätzt hatte seitens der Söhne Israels, und gaben sie für den Acker des Töpfers, wie mir der Herr befohlen hat.«

Nirgendwo im Buch Jeremia findet man diese Prophetie. Sollte Matthäus hingegen Sach. 11,12-13 meinen, dann hat er sich erstens beim Autor geirrt und zweitens den Vers falsch wiedergegeben. Weder die Söhne Israels noch der Acker kommen in dem Vers vor (auch nicht in der LXX). Auch geht es in dem Abschnitt in Sacharja nicht um den Messias.

Fazit:

Wenn man sich die von Matthäus geschilderten Prophetien ansieht, merkt man, dass sie keine Prophetien sind und die meisten Stellen auch nicht von einem Messias sprechen. Alle Zitate werden aus ihrem Kontext genommen und aufgrund von Wortübereinstimmungen auf Jesus gedeutet. Das erste Prinzip bzw. die Grundregel bei einer Auslegung, nämlich „Beachte den Kontext![24]“, wird hier völlig außer Acht gelassen. Einen Bibelvers ohne seinen Kontext zu deuten öffnet Falschauslegungen Tür und Tor. Würden wir heute ebenso an den Bibeltext herangehen, könnten wir jegliches theologisches Hirngespinst mit der Bibel argumentieren.

Um zu überprüfen, ob es sich bei einer Bibelstelle wirklich um eine messianische Prophetie handelt wäre es gut sich folgende Frage zu stellen: „Würde eine Person, die im 1. Jhdt. v. Chr. lebt und diese Passage liest, davon ausgehen, dass es eine Prophetie ist?“ Wenn man diese Frage ehrlicherweise mit „nein“ beantwortet, dann ist offensichtlich, dass es um keine Prophetie geht.

Man kann beispielsweise einmal unvoreingenommen Psalm 41 lesen und die oben genannte Frage „geht es hier um Prophetie?“ beantworten. Geht es in dem Psalm um König David, oder geht es um den Messias wie Johannes in Joh. 13,18 behauptet? Zu beachten ist auch, dass dieselbe Person, die in V. 10 sprich auch die Person ist, die in V. 5 sagt, dass sie gegen Gott gesündigt hat.

Wenn man zuerst einen Pfeil abschießt und dann den Kreis darum zieht ist es leicht zu sagen man hat getroffen. Genauso verhält es sich mit den Prophetien die Matthäus heranzieht.

 

Jesaja 53

Bevor der Bibeltext von Jesaja 53 genauer betrachtet wird, müssen einige Fragen im Vorhinein beantwortet werden.

Spricht Jesaja 52/53 deutlich über den leidenden Messias?

Würde ein Leser, der gerade das Buch Jesaja liest, hier in Kap. 52 und 53 einen leidenden und sterbenden Messias erwarten? In Jes. 52,13 heißt es „Siehe, mein Knecht…“ dieser Knecht wurde in den vorherigen Kapiteln als Volk Israel identifiziert (Kap. 41,8; 44,1.21; 45,4; 49,3). Warum sollt es, wenn man den Kontext betrachtet, hier auf einmal um jemand anderen gehen?

Wenn Gott hier eine messianische Prophetie einbauen möchte, warum macht er es dann nicht deutlich und schreibt „Siehe, mein Messias…“?

Glaubten die Juden zur Zeit Jesu an einen Messias der sterben muss?

In Matthäus 16,16 bezeugt Petrus, dass er Jesus für den Messias hält. Darauf sagt Jesus in V. 21, dass er leiden und sterben wird. Wie reagiert Petrus? Sagt er „Ja, stimmt, denn es steht ja bereits in den Schriften, dass du sterben wirst“? Nein, er sagt in V. 22 „das widerfahre dir nicht!“ Petrus dachte nicht an einen sterbenden Messias!

Ebenso in Mk. 9,31-32 „Denn er lehrte seine Jünger und sprach zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird überliefert in der Menschen Hände, und sie werden ihn töten; und nachdem er getötet worden ist, wird er nach drei Tagen auferstehen. Sie aber verstanden die Rede nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.“

Auch hier haben wir dasselbe Bild. Seinen Jüngern war es völlig unbekannt, dass der Messias sterben muss. Das christliche Konzept, dass der Messias sterben wird und dabei die Sünden anderer trägt hat keine Unterstützung in anderen Stellen im AT. Im Gegenteil, andere Stellen widersprechen dieser Idee. Das AT macht deutlich, dass jede Person für seine eigenen Sünden leiden muss und bestraft wird (5. Mo. 24,16; 2. Kö. 14,6; Hes. 18,20). Das Konzept des stellvertretenden Leidens ist unbiblisch.

Gibt es Juden die Jesaja 53 messianisch deuten?

Ja, bereits Anfang des 2. Jhdt. hatte Jonatan ben Usiel in seinem Targum[25] den Knecht in Kap. 52,13 als Messias identifiziert. Er schreibt: הָא יַצְלַח עַבְדִי מְשִׁיחָא יְרוּם וְיִסְגֵי וְיִתְקוֹף לַחֲדָא („Siehe, mein Knecht, Messias, wird Erfolg haben. Er wird emporkommen und wird groß und sehr stark werden.“)

Dies wird von Christen oft herangezogen, um zu zeigen, dass die Stelle vom Messias handelt. Jedoch muss man so fair sein und sich den ganzen Kontext anschauen, um zu verstehen, was Jonatan ben Usiel aussagen möchte. Im nächsten Vers heißt es:

כְּמָא דִסְבַרוּ לֵיהּ בֵּית יִשְׂרָאֵל יוֹמִין סַגִיאִין דַהֲוָה חֲשִׁיךְ בֵּינֵי עַמְמַיָא חֶזְוֵהוֹן וְזִיוְהוֹן מִבְּנֵי אֱנָשָׁא („Gleichwie auf ihn das Haus Israel viele Tage hoffte, weil ihre Erscheinung finster war unter den Völkern, und ihr Glanz geringer war als der der Menschenkinder.“)[26]

Diejenigen deren Erscheinung nicht anzusehen war, sind also das Volk Israel und nicht der Messias und so geht es auch weiter. Der Targum berichtet nicht, dass der erwähnte Messias leiden wird. Es ist das Volk, welches leidet. Besonders deutlich wird das in V. 10 wo es heißt, dass Gott das Volk läutern und reinigen wird.

Ebenfalls berichtet Origenes im 3. Jhdt. in seiner Schrift Contra Celsum, dass die Juden Jesaja 53 auf ihr ganzes Volk deuten.

Mein jüdischer Gegner sagte, diese Weissagungen, die scheinbar von einer Person handelten, seien von dem ganzen Volke zu verstehen, das in der Zerstreuung gelebt habe und geschlagen worden seiEs wurden damals in der Disputation viele Gründe angegeben, um zu erweisen, dass sich diese Prophezeiungen auf eine einzelne Person beziehen und von jenen [den Juden] mit Unrecht auf das ganze Volk gedeutet werden.“[27]

Bekannt ist, dass Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, 1040–1105), der bekannteste jüdische Kommentator, in seinem Kommentar zu Jesaja 53 den Abschnitt auf das Volk der Juden bezieht und ihm anschließend viele Kommentatoren folgten. Der Hintergrund ist sicher auch, dass Raschi einen Gegenpol zur verbreiteten Lehrmeinung der Christen etablieren wollte. Auch sah er, wie jüdische Gemeinden in Deutschland von den Kreuzrittern geplündert wurden und sah in dem Leiden der Juden die Erfüllung von Jesaja 53.

Aber nicht alle jüdischen Gelehrten folgten ihm, es gibt durchaus Rabbiner, die in Jesaja 53 einen Messias sehen. Auch der Babylonische Talmud in Sanhedrin 98b deutet darauf hin.

Kann man Jesaja 53 messianisch verstehen?

Die Antwort ist „Ja“, man kann Jesaja 53 messianisch deuten, denn der Abschnitt handelt genau wie Kap. 52 und 54 von einem zukünftigen messianischen Reich. Und in diesem Reich wird es auch einen Herrscher geben (darum deutet Jonatan ben Usiel den V. 1 auf den Messias).

Allerdings ist der Abschnitt in Kap. 53 eine Rückschau auf Israel, auf die Zeit des Exils und wie es im Exil gelitten hat, aber auch ein Blick auf die Zeit wo Gott das Volk wieder aufblühen lässt und es ins verheißene Land zurückführt.

Mit anderen Worten: Das Lied ist eine Prophezeiung, die vorhersagt, wie die Welt reagieren wird, wenn sie Zeuge der Erlösung Israels in der messianischen Ära wird. Die Verse werden aus der Perspektive von Weltführern präsentiert, die ihre frühere verächtliche Haltung gegenüber den Juden mit ihrer neuen Erkenntnis der Größe Israels vergleichen. Nachdem sie erkannt haben, wie unfair sie das jüdische Volk behandelt haben, werden sie schockiert und sprachlos sein.

Ist Jesus der leidende Gottesknecht aus Jesaja 53?

Im Folgenden werden die Verse in Jesaja 52/53 genauer betrachtet und ausgelegt und dabei auch die Frage gestellt bzw. beantwortet, ob Jesus die Stellen auch wirklich erfüllt hat, oder ob Christen hier etwas hineininterpretieren bzw. die Stellen voreingenommen lesen. Der zu betrachtende Abschnitt beginnt in Kap. 52,13. Als die Bibel geschrieben wurde, gab es noch keine Kapitel­einteilung. Die letzten Verse aus Kap. 52 gehören aber eindeutig noch zu dem Abschnitt dazu.

V. 13 „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln[28]. Er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein.“

Hier geht es um den Knecht, welcher in allen vorherigen Kapiteln als das Volk Israel darstellt wird. Liest man die Verse vor dem Abschnitt (V. 7-12) sieht man, dass hier Israel in einer Zeit beschrieben wird, wo Gott Jerusalem erlöst hat und Gott in Zion als König herrscht (V. 7). Alle Nationen werden sehen wie Israel von Gott errettet wird (V. 10).

Der Knecht (Israel) wird aus seinem Elend erhoben werden und äußerst hoch sein. Im Hebräischen stehen hier 3 Verben hintereinander, welche alle den Wortsinn „hoch“ haben. Woraus er erhoben wird, wird in 53,2 deutlich.

Der Sprecher in dem Vers ist Gott selbst, der über seinen Knecht spricht. Im Folgenden wird es Sprecherwechsel geben (V. 1 und V. 10). Dies muss besonders beachtet werden.

 V. 14 „Wie sich viele über dich entsetzt haben – so entstellt war sein Aussehen, mehr als das irgendeines Mannes, und seine Gestalt mehr als die der Menschenkinder –,“

Die Völker die Israel sahen waren entsetzt bzw. erschrocken über das Elend des Volkes (siehe 2. Kö. 17,20; Klgl. 2,21-22; Jer. 13,14; 51,22-23).

V. 15 „ebenso wird er viele Nationen besprengen; über ihn werden Könige ihren Mund schließen. Denn sie werden sehen, was ihnen nicht erzählt worden war, und was sie nicht gehört hatten, werden sie wahrnehmen.“

Das Wort welches hier für „besprengen“ steht (יַזֶּה) macht hier keinen Sinn, weswegen die meisten Übersetzungen hier der LXX folgen und stattdessen „in Staunen versetzen“ übersetzten. Dies macht im Kontext mehr Sinn.

Die Nationen werden also erstaunt sein (weil Israel wiederhergestellt ist) und sogar Könige werden ihren Mund schließen (ihre Hand vor Erstaunen auf den Mund legen vgl. Mi. 7,16). Warum? Weil hier etwas passiert, was niemand erwartet hat.

Passt dieser Vers auf Jesus? Wann haben Könige (Plural) vor ihm den Mund verschlossen?

V. 1 „Wer hat unserer Verkündigung geglaubt?[29] An wem ist der Arm des HERRN offenbar geworden?

Hier findet ein Rednerwechsel statt, nämlich von der ersten Person Singular (=Gott) zur dritten Person Plural. Um den Abschnitt zu verstehen, muss man also hausfinden, welche Personengruppe hier zum Sprechen anfängt. Christliche Ausleger sind der Meinung, dass hier gläubige Juden oder Christen über den Messias zur Zeit seiner Hinrichtung am Kreuz sprechen. Jüdische Ausleger hingegen gehen davon aus, dass hier die Nationen aus dem Vers davor sprechen. Die Begründung dafür ist der Kontext, im Besonderen die Verse davor.

Die Nationen, die gerade so erstaunt sind über das Volk, welches wiederhergestellt ist, fragen sich nun warum sie nicht der Botschaft geglaubt haben. Sie stellen aber noch eine zweite Frage, und zwar an wem der Arm des HERRN offenbar geworden ist. Diese Frage wurde bereits in Kap. 52,10 beantwortet. Es geht um sie selbst. Gott hat vor ihren Augen dieses Wunder geschehen lassen.

V. 2: „Er ist wie ein Trieb[30] vor ihm aufgeschossen und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten.“

Die Nationen bekennen, dass der Knecht Israel keine Pracht hatte als er auf verdorrtem Boden lag. Genau das wird in Hes. 19,12-13 Israel berichtet: „Aber er wurde ausgerissen im Zorn, zu Boden geworfen, und der Ostwind ließ seine Frucht verdorren; sie wurden abgerissen und vertrockneten; sein starker Zweig – Feuer verzehrte ihn. Und nun ist er in die Wüste gepflanzt, in ein dürres und durstiges Land.“ Weil Israel gesündigt hatte, hat Gott Israel bildlich zu Boden geworfen und zwar in dürrem Land, wo es eigentlich keine Hoffnung mehr für eine Pflanze gibt.

V. 3: „Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet.“

Hier wird eine Person beschrieben, die mit Schmerzen und mit Leiden vertraut war (was auf Dauer­haftigkeit hindeutet) und nicht eine Person, die einmal in ihrem Leben etwas schlimmes erlebt hat. Denn ansonsten würde der Vers ja auf jede Person zutreffen. Jeder Mensch hatte schon mal Schmerzen oder musste wegen irgendetwas leiden. Es geht hier also um eine Person deren ganzes Leben von Leiden, Schmerzen und Verachtung gekennzeichnet ist, was auf Jesus nicht zutrifft.

Diese Person war auch verachtet. Genau dies (mit demselben Hebräischen Wort) wird über Israel in Kap. 49,7 gesagt: „So spricht der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem ganz und gar Verachteten, zu dem Verabscheuten der Nation, zu dem Knecht der Herrscher …“.

Weiters heißt es über Israel in Kap. 1,5-6 „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Beulen und Striemen und frische Wunden, die nicht gereinigt noch verbunden noch mit Öl gelindert sind.“

Das Wort welche hier mit „krank“ übersetzt wird, ist dasselbe Wort wie „Leiden“ in V. 3.

V. 4: „Jedoch unsere Leiden – er hat <sie> getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt.“

Die Nationen bekennen, dass Sie für die Leiden und Schmerzen des Volkes Israel verantwortlich waren. Israel litt im Exil wegen der Unterdrückung der Nationen (Jes. 60,14). Die Nationen aber dachten Israel gebührt diese Strafe, weil Gott es so wollte.

Jes. 5,25: „Darum ist der Zorn des HERRN gegen sein Volk entbrannt, und er hat seine Hand gegen sie ausgestreckt und sie geschlagen.“

Laut Matthäus 8,17 hat sich dieser Vers erfüllt, als Jesus die Kranken in Galiläa heilte. Dieser Vers erfüllt sich also nicht, als Jesus am Kreuz hing. Ernsten, weil sich der Vers nach Matthäus bereits erfüllt hat und zweitens, weil Jesus am Kreuz keine Kranken geheilt hat.

Auch der zweite Teil des Verses passt nicht. Die Personengruppe aus deren Sicht dieser Vers geschrieben ist, hat Jesus nicht für „von Gott geschlagen“ erachtet. Sie hielten ihn von den Römern geschlagen und das zu Unrecht. Keiner seiner Anhänger dachte, dass Gott Jesus bestraft. Die Personengruppe, die hingegen dachte, dass Jesus am Kreuz hängt, weil er von Gott bestraft wird, das waren die Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrten, aus deren Sicht ist dieser Abschnitt aber nicht geschrieben!

V. 5: „Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.“

Das Wort was hier mit „durchbohrt“ übersetzt ist, heißt eigentlich „entweiht“ bzw. „entheiligt“. Es kommt 132x in der Bibel vor und wird nur hier und an zwei andren Stellen mit „durchbohrt“ übersetzt.

Auch das Wort für „Strafe“, welches 50x in der Bibel vorkommen wird an keiner anderen Stelle mit „Strafe“ übersetzt. Es bedeutet eigentlich „Unterweisung“ oder auch „Zucht“.

Dieser Vers ist schwierig zu übersetzen. Eine wörtliche Übersetzung wäre:

Und er wurde entweiht wegen unserer Vergehen, zerschlagen wegen unserer Missetat. Zucht[31]. Unser Friede auf ihm. Und durch seine Verwundung/Strieme (Singular) wurde er geheilt für uns.“

In dem Vers geht es nicht darum, dass der Gottesknecht „für“ oder „anstelle“, sondern aufgrund der Taten anderer leidet (er ist sozusagen das Opfer). Das Hebräische ist hier eindeutig und spricht nicht von einer Stellvertretung, sondern von der Auswirkung. Würde sich der Vers auf Jesus beziehen würde er nicht „für unsere Sünden“ sterben, wie es Paulus in 1. Kor. 15,3 und Gal, 1,4 behauptet, sondern wegen unserer Sünden. Der Gedanke, dass Jesus hier die Sünden der Menschen trägt, lässt der Vers nicht zu.

Interessant sind die letzten zwei Wörter נִרְפָּא־לָֽנוּ („er wurde geheilt für uns“), was bedeutet, dass der Knecht geheilt wurde.

Der Vers könnte bedeuten, dass Israel wegen den Vergehen der Nationen am Boden lag. Vielleicht ist auch daran gedacht, dass die Nationen den Tempel entweiht hatten. Weil Israel aber geheilt wurde, also wiederhergestellt wurde, erlangen auch die Nationen Frieden (im Friedensreich).

Jer. 33,6: „Siehe, ich will ihr Genesung und Heilung bringen und sie heilen, und ich will ihnen eine Fülle von Frieden und Treue offenbaren.“

V. 6: „Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen <eigenen> Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld.“

Das Wort צֹאן übersetzt man besser mit „Kleinvieh“, denn es gibt eigene Wörter, um ein Schaf zu bezeichnen (כּשׂב oder רָחֵל).

Die Nationen irrten sich (in Bezug auf ihre Haltung Israels gegenüber). Sie irrten wie Kleinvieh herumirrt und hatten auch Gott nicht als ihren Hirten akzeptiert.

Der zweite Teil ist wieder schwierig zu übersetzen. Wörtlich heißt es „Und der HERR kam ihm zu Hilfe wegen unserer ganzen Missetat.“ (וַֽיהוָה֙ הִפְגִּ֣יעַ בֹּ֔ו אֵ֖ת עֲוֹ֥ן כֻּלָּֽנוּ)[32].

Das würde bedeuten, dass der HERR dem Knecht zur Hilfe kam, weil er wegen der Missetat der Nationen am Boden lag. Jesus hingegen kam am Kreuz niemand zu Hilfe. Das Gegenteil war der Fall, Jesus sagte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt. 27,46)

V. 7: „Er wurde misshandelt[33], aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf.“

Das Volk wurde misshandelt und als Schlachtvieh bezeichnet, wie es in Ps. 44,12 heißt: „Du gabst uns hin wie Schlachtvieh, und unter die Nationen hast du uns zerstreut.“ Es ertrug auch das Exil, ohne sich zu empören oder seinen Mund gegen Gott aufzutun und Gott anzuklagen.

Im NT sehen wir aber sehr wohl, wie Jesus vor Pilatus seinen Mund auftat (Joh. 18,28-40[34]). Auch seine letzten Worte am Kreuz und der bereits vorher genannte Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sind mehr als bekannt.

V. 8: „Aus Drangsal und Gericht wurde er hinweggenommen. Und wer wird über sein Geschlecht nachsinnen? Denn er wurde abgeschnitten vom Lande der Lebendigen. Wegen des Vergehens seines Volkes <hat> ihn Strafe <getroffen>.

Der Vers ist wieder schwer zu übersetzen, da das Wort für „Drangsal“ (עֹצֶר) nur 3x in der Bibel vorkommet und jedes Mal unterschiedlich übersetzt wird. „Sein Geschlecht“ (דֹּורֹו) ist nur hier bezeugt. Das Wort für „Strafe/Plage“ (נֶגַע) steht ohne Zusammenhang und hat in der Jesajarolle einen Buchstaben mehr נוגע wonach es auch ein Verb sein könnte (z. B. Partizip von „anrühren“). Im zweiten Teil weichen manche deutschen Übersetzungen vom hebräischen Text ab und übersetzen „sein Volk“ עַמֹּו (amo) statt „mein Volk“ עַמִּי (ami)[35]. Der Grund dafür ist, dass „mein Volk“ auf keine Sprechergruppe passt. Wenn hier eine Gruppe spricht, müsste es „unser Volk“ עַמֵּנוּ (ammenu) heißen, damit der Satz grammatikalisch stimmt. Auch das letzte Wort לָמוֹ ist nicht eindeutig zu bestimmen. Eigentlich ist es grammatikalisch ein Plural[36], wird aber in jeder Übersetzung im Singular verwendet.

Land der Lebendigen (אֶרֶץ חַיִּים) bezeichnet nach jüdischer Auslegung das Land Israel (vgl. Hes. 32,23-27). Demnach bedeutet es, dass das Volk aus dem Land Israel ins Exil geführt wurde.

Der letzte Teil des Verses kann mit „Mein Volk ist eine Strafe für ihn/sie“ übersetzt werden, was auch darauf hindeutet, dass Gott die Nationen dazu verwendet, um sein Volk zu bestrafen.

V. 9: „Und man[37] gab ihm bei Gottlosen sein Grab, aber bei einem Reichen[38] <ist er gewesen> in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist.“

Das Volk, das im Exil starb, wurde bei gottlosen Menschen (den Babyloniern oder Assyrern) begraben. Ihre Leichen wurden nicht nach Israel zurückgebracht. Die Menschen im Exil lebten ein anständiges Leben, kein Unrecht wurde bei ihnen gefunden.

Interessanterweise deutet keiner der Evangelisten diesen Vers auf Josef von Arimathia[39]. Möglicherweise weil die LXX hier sinngemäß anders übersetzt: „Und ich werde die Bösen anstelle seines Grabes und die Reichen anstelle seines Todes geben“ oder weil Jesus zwar im Grab eines Reichen gelegen ist, aber nicht bei einem Reichen.

Juden, die zeigen wollen, dass sich dieser Vers nicht in Jesus erfüllt, verweisen auch darauf, dass Jesus ihrer Meinung nach sehr wohl gelogen hat. Sie führen Joh. 18,20 an, wo Jesus sagt: „Ich habe öffentlich zu der Welt geredet; ich habe allezeit in der Synagoge und in dem Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen, und im Verborgenen habe ich nichts geredet.“

Jesus hat aber sehr wohl seinen Jünger Dinge im Geheimen mitgeteilt, welche anderen Leuten verborgen sein sollten (z.B. Mt. 13,10-17; 20,17; Lk. 9,45; 10,21; 18,34)

Auch soll er Unrecht/Gewalttat begangen haben, als er z. B. den Feigenbaum verfluchte (Mk. 11,21), die Schweine ertrinken lies (Mt. 8,32), die Händler aus dem Tempel peitschte (Joh. 2,15) oder im Gleichnis aufforderte, dass man seine Feinde erschlagen solle (Lk. 19,27).

V. 10: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben[40] als Schuldopfer[41] eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird <seine> Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen.“

Gott hat das Volk zerschlagen, es musste leiden. Wenn es aber Gott seine Seele anstelle eines Schuldopfer gibt (vgl. Ps. 40,7; 51,19-20), also Buße aus echtem Herzen tut, dann wird das Volk viele Nachkommen haben und lange leben. Und der Plan des Herrn (die Rückführung ins Land) wird gelingen.

Hier steht übrigens, dass der Gottesknecht Nachkommen haben wird und seine Tage verlängern werden, also ein langes Leben haben wird. Beides trifft auf Jesus nicht zu. Jesus hatte keinen Nachkommen (wörtlich: Samen [42]זֶרַע) und er hatte auch kein langes Leben.

V. 11: „Um der Mühsal seiner Seele willen wird er <Frucht> sehen, er wird sich sättigen. Durch seine Erkenntnis wird der Gerechte, mein Knecht, den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, und ihre Sünden wird er sich selbst aufladen.“

Was der Knecht sehen wird, steht nicht im Text. Elberfelder fügt „Frucht“ ein, Luther „Licht“. Der Vers spielt aber wohl auf den vorigen Vers an, demnach wird er viele Nachkommen sehen.

Nun folgt wieder ein Sprecherwechsel. Es redet jetzt wieder Gott über seinen Knecht. Das Volk befindet sich nicht mehr im Exil, sondern ist heimgekehrt.

Der Knecht wird hier nun als ein Gerechter dargestellt (siehe Kap. 60,21; 62,12), der den Vielen (den Nationen) zur Gerechtigkeit verhelfen wird. Dies ist ein Blick in Zukunft. Siehe Micha 4,1-2: „Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“

Wie ist das וַעֲוֹנֹתָ֖ם ה֥וּא יִסְבֹּֽל („und ihre Missetaten/Ungerechtigkeiten wird er tragen“) zu verstehen?

Der Sinn dieser Aussage ist nicht leicht, da das Wort סבל nur selten vorkommet und es ist fraglich, ob hier der Autor wirklich an eine Stellvertretung gedacht hat. Die gängige jüdische Auslegung ist, dass nach Jes. 61,6 die Juden im Friedensreich nun endlich ein priesterliches Volk sein werden (das war ja schon in 2. Mo. 19,6 angedacht). D. h. sie können nun für die Ungerechtigkeit der Nationen Opfer bringen (Es wird im Friedensreich ja weiterhin geopfert). So wie es in 3. Mo. 5,13 heißt: „So soll der Priester wegen seiner Sünde, die er in einem jener Fälle getan hat, die Sühnung für ihn vollziehen, und ihm wird vergeben.“

V. 12: „Darum werde ich ihm Anteil geben unter den Großen, und mit Gewaltigen wird er die Beute teilen: dafür, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod und sich zu den Verbrechern zählen ließ. Er aber hat die Sünde vieler getragen und für die Verbrecher Fürbitte getan.“

Hier im letzten Vers fasst Gott nochmals zusammen warum er Israel erhöht hat. Weil Israel wie tot am Boden lag und die Nationen sie zu Abfall/Verbrechern zählten. Israel aber hat die Fehler/Sünden vieler (der Nationen) erduldet und hat stattdessen für sie sogar gebetet (Jer. 29,7).

Fazit

Ein Text muss immer in seinem Kontext gelesen werden! In Kap. 52 und 54 geht es um die Wiederherstellung Israels am Ende der Zeit. Demnach ist es naheliegend, dass das Thema in Kap. 53 ähnlich ist, es also auch um die Wiederherstellung Israels geht.

Ein Text muss ebenso auch einen Literalsinn und für die damalige (vorchristliche) Leserschaft einen Sinn gehabt haben. Haben die Leser des Textes zur Zeit Jesajas hier an eine Person gedacht, an jemanden der ihre Sünden trägt und sterben wird? Definitiv nicht.

Dass der Text stark an Jesus erinnert ist nicht zu verleugnen. Es gibt hier viele Parallelen, die man im NT wiederfindet. Die Schreiber haben den Text auch bewusst ihren Darstellungen verarbeitet[43], um den leidenden Jesus mit dem AT zu verknüpfen.

Wenn es der große Plan Gottes war einmal seinen Sohn zu schicken, der dann für die Menschen leidet, stirbt und ihre Sünden hinwegnimmt, hätte Gott dies doch deutlicher angekündigt. Warum sollte er so etwas wichtiges auch geheim halten? Welchen Sinn hätte das? Es müsste demnach viel mehr Bibelstellen geben, die darauf hindeuten. Z. B. „Es wird einmal jemand kommen, der eure Sünden völlig hinwegnehmen wird.“ oder „Ihr werden den Messias ablehnen, aber Gott wird ihn ein zweites Mal schicken.“ oder „Bevor der Messias herrschen wird, wird er sterben.“ oder „Ich (Gott) werde euch meinen Sohn schicken.“ Solche Verse wären deutlich und die Menschen, vor allem auch Gottes eigenes Volk, wüssten Bescheid. Aber leider findet man nicht mal ansatzweise solche Hinweise im AT. Der Grund dafür ist, dass Gott eine leidende Person, die die Sünden hinwegnimmt, nicht prophezeit hat und das ist auch der Grund, warum die Juden Jesus abgelehnt haben.

Gibt es Sündenvergebung nur durch Blutvergießen?

Der Schreiber des Hebräerbriefes behauptet in Hebr. 9,22 „ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung.“ Demnach glauben Christen, dass es unbedingt ein Opfer und somit das Blut Jesu bedarf, um Sündenvergebung zu bekommen.

Jedoch behauptet das Alte Testament etwas anderes.

Personen, die sich kein Opfertier leisten konnten, durften nach 3. Mo. 5,11-13 auch Weizengrieß bzw. Feinmehl (je nach Übersetzung) als Sündopfer darbringen. Wir sehen hier also, dass Sündenvergebung auch ohne Blutvergießen möglich war.

Sündopfer mussten übrigens am Altar der Stiftshütte oder des Tempels im Beisein eines Priesters dargebracht werden. Heißt das, dass die Juden nach der Tempelzerstörung keine Vergebung ihrer Sünden mehr bekommen konnten? Nein! Sündenvergebung war auch ohne Opfer möglich. Dies liest man in 1. Kö. 8,46-50. Dort betet Salomo: „Wenn sie an dir sündigen werden – denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt – und du zürnst ihnen und gibst sie dahin vor ihren Feinden, dass sie sie gefangen führen in das Land der Feinde, fern oder nahe, und sie nehmen sich’s zu Herzen im Lande, in dem sie gefangen sind, und bekehren sich und flehen zu dir im Lande ihrer Gefangenschaft und sprechen: Wir haben gesündigt und übel getan und sind gottlos gewesen, und bekehren sich zu dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele im Lande ihrer Feinde, die sie weggeführt haben, und beten zu dir nach ihrem Lande hin, das du ihren Vätern gegeben hast, nach der Stadt hin, die du erwählt hast, und nach dem Hause hin, das ich deinem Namen gebaut habe: so wollest du ihr Gebet und Flehen hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und ihnen Recht schaffen und wollest vergeben deinem Volk, das an dir gesündigt hat, alle ihre Übertretungen, mit denen sie gegen dich gesündigt haben, und wollest sie Erbarmen finden lassen bei denen, die sie gefangen halten, sodass sie sich ihrer erbarmen.“

Hier sieht man ein deutliches Prinzip im AT, nämlich, dass Gott Sünden vergibt aufgrund eines bußfertigen Herzens. Das Bekennen der Sünde im Gebet reicht aus, um Sündenvergebung zu empfangen. Auch David hat das erlebt in 2. Sam. 12,13 „Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.“ David musste nicht erst opfern gehen, damit seine Sünde von Gott vergeben wird, sein bußfertiges Herz reichte dazu aus.

Weitere Stellen, die dieses Prinzip deutlich machen sind: Hes. 18,21-23; 33,10-16; 2. Chr. 7,14; Jer. 36,3; Dan. 4,24; 9; Jon. 3,6-10; Ps. 40,7; 51,18-19; Mk. 1,4 u.a.

Jesus als unser Opfer?

Mehrere Stellen im NT deuten darauf hin, dass Jesus Christus für die Menschen stellvertretend als Opfer gestorben ist. Z. B.: 1. Kor. 5,7 „Denn auch unser Passahlamm, Christus, ist geschlachtet.“ oder 1. Petr. 1,18-19: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken.“

Deutlich wird dies vor allem im Hebräerbrief in den Kap. 9-10.

Hebr. 9,28: „…so wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen…“ oder Hebr. 10,10 „In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.“

Schaut man ins AT, welche Voraussetzungen ein Opfer haben muss, dann muss man ehrlich zugeben, dass Jesus diese Vorgaben nicht erfüllt:

  • Das Opfer durfte keine Verletzung haben (3. Mo. 1,3; 3,6; 4,3.24; 5,15)
    - Jesus wurde geschlagen und ausgepeitscht, seine Haut war zerfetzt und blutüberströmt.
  • Das Opfer musste im Tempel am Altar dargebracht werden (3. Mo. 7,2; 17)
    - Jesus wurde außerhalb der Stadt gekreuzigt
  • Das Opfer musste ganz oder zum Teil verbrannt werden (3. Mo. 1,9; 2,2; 3,5; 4,12; 6,2.23)
    - Kein Teil von Jesus wurde verbrannt
  • Das Opfer musste von einem Priester dargebracht werden (3. Mo. 5,6.10.13.18.26)
    - Kein Priester war an dem Opfer beteiligt
  • Das Opfer musste ein Tier oder Speise sein (Menschenopfer waren verboten) (3. Mo. 1-7)
    - Jesus war ein Menschenopfer

Interessanterweise liest man in den Evangelien bei Matthäus, Markus und Lukas nichts davon, dass Jesus als Opferlamm gesehen wurde. Erst das späte Johannesevangelium gibt in Joh. 1,29 einen ersten Hinweis in diese Richtung, wo Johannes der Täufer über Jesus sagt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!

Eine Frage, die man sich auch stellen muss, ist folgende: Wenn Jesu Opfer einmalig und für immer war, wie es Hebr. 7,27 und 10,10-14 deutlich macht, warum wird es dann im zukünftigen Friedens­reich wieder Opfer geben (Hes. 42,13; 43,18-27; 45,18-25; Jer. 33,18; Jes. 56,7)?

Die gängige Entgegnung hier ist, dass die Opfer in Hesekiel zum Gedächtnis an Jesu Tod dargebracht werden[44]. Die ist jedoch völlig absurd. Erstens wiederspricht es der Darstellung im Hebräerbrief, dass Jesu Opfer besser und einmalig war. Warum sollte man auch wieder zum alten Bund zurückkehren und schlechtere Opfer bringen? Und zweitens sitzt Jesus im Friedensreich ja am Thron und regiert, warum soll man Opfer zur Sündenvergebung bringen, wenn man einfach zu Jesus direkt gehen könnte? Und warum muss weiterhin das Blut von unschuldigen Tieren fließen?

Kann Jesus einfach Sünden wegnehmen?

In Römer 11, wo es um die zukünftige Errettung Israels geht zitiert Paulus einen Vers aus Jesaja 59. Schauen wir uns die beiden Verse an:

Jes. 59,20: „Und ein Erlöser wird kommen für Zion und für die, die in Jakob <vom Treu>bruch umkehren, spricht der HERR.

Röm. 11,26-27: „Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden; und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.

Hier gibt es übersetzungstechnische und theologische Änderungen.

In Jesaja heißt es „für[45] Zion“ (לְצִיֹּון) wird ein Erlöser kommen. Woher dieser Erlöser kommt wird nicht gesagt. Im Römerbrief wird daraus „aus Zion“ (ἐκ Σιὼν) was besagt, dass der Erlöser aus Zion kommen wird.

Weiters behauptet der Römerbrief, dass dieser Erretter die Gottlosigkeit von Jakob abwendet und ihre Sünden wegnimmt, es also das Handeln des Erretters ist. In der Stelle in Jesaja steht aber das Gegenteil davon, Jakob (die Israeliten) müssen selbst von ihrem Treuebruch[46] umkehren und dann wird der Erlöser für sie kommen. D.h. die Umkehr ist die Voraussetzung für das Kommen des Erlösers. Dass er dann ihre Sünden wegnimmt steht auch nicht im Text und ist auch verständlich, da sie ja bereits umgekehrt sind und ihre Sünden bereits vergeben sind.

Paulus zitiert hier offensichtlich aus der LXX, welche den Vers stark verändert bzw. sogar ins Gegenteil verkehrt. Da Paulus als ehemaliger Pharisäer und Schüler Gamaliels (Apg. 22,3) sicherlich Hebräisch konnte, stellt sich die Frage, warum er hier auf die LXX zurückgreift?

Das Argument von Paulus, dass Israel einfach so durch einen Erlöser errettet wird, findet jedenfalls keine Unterstützung im Masoretischen Text!

Warum glauben Christen weiterhin, dass Jesus der Messias ist?

Obwohl Jesus gestorben ist, glaubten seine Anhänger weiterhin, dass er der verheißene Messias ist. Dies ist an sich nicht ungewöhnlich. Es gibt unzählige Beispiele in der Geschichte, dass Führungs­personen, die gestorben sind, auch weiterhin verehrt werden.

Eine interessante Person mit großer Ähnlichkeit zu Jesus ist Schabbtai Zvi. Er ließ sich 1665 zum Messias ausrufen und legte sich einen königlichen Titel zu. Viele seiner Anhänger erwarteten den direkten Anbruch des messianischen Reiches. Als Schabbtai Zvi 1666 aber von den Türken gefangen genommen wurde, wurde er vor die Wahl gestellt seine Messianität zu beweisen, indem man Pfeile auf ihn schieße und er somit seine Unverwundbarkeit zeigen könne, oder zum Islam zu konvertieren. Zvi entschied sich für die Konvertierung zum Islam und starb im Jahr 1676, ohne dass das messianische Reich angebrochen wäre. Trotzdem gibt es auch heute noch Anhänger, wie z. B. die Dönme[47], die an seiner Messianität festhalten.

Aber Jesus ist doch auferstanden

Dass Jesus von den Toten auferstanden ist, wird nur im Neuen Testament von seinen Anhängern berichtet. Diesen Berichten kann man Glauben schenken oder auch nicht. Auch heute noch behaupten Menschen, dass Tote auferstanden sind. Menschen berichten z. B. dass sie Elvis Presley nach seinem Tod gesehen hätten (vgl. Mt. 27,52-53) oder das ihnen die Jungfrau Maria erschienen ist oder irgendein Heiliger. Auch Anhänger von Menachem Mendel Schneerson[48] sog. Meschichisten behaupten, dass der Rebbe auch nach seinem Tod noch am Leben sei. Auch von Bodhidharma einem buddhistischen Mönch gibt es Auferstehungsberichte. Und ebenso berichten Anhänger von Sathya Sai Baba[49] dass sie ihn nach seinem Tod gesehen haben.

Nur weil jemand etwas behauptet, bedeutet das noch nicht, dass es auch wahr ist.

Wie hätte Jesu Auferstehung verifiziert werden können?

In Mt. 12,38 fordern die Schriftgelehrten und Pharisäer von Jesu ein Zeichen[50]. Jesus sagt ihnen, dass so wie Jona 3 Tage und Nächte im Bauch des Fisches war, auch er für 3 Tage und Nächte begraben sein wird (was impliziert, dass er danach aufersteht). Abgesehen davon, dass Jesus keine 3 vollen Tage und Nächste begraben war, erbrachte Jesus auch nicht den Beweis für dieses Zeichen. Jesus erschien nach seiner Auferstehung nicht vor dem Hohen Rat oder vor den Schriftgelehrten und Pharisäer, um ihnen zu beweisen, dass sein versprochenes Zeichen auch wirklich eingetreten ist. Den einzigen Personen denen Jesus erschienen ist waren seine eigenen Anhänger.

Schaut man sich die Auferstehungsberichte in den Evangelien genauer an, merkt man allerdings, dass diese unterschiedlich und nicht einheitlich sind.

Wer kam zuerst am Grab an? Wen sahen die Personen als sie am Grab ankamen? Wer erzählt Maria Magdalena, das Jesus auferstanden ist? Wem erschien Jesus zuerst? Was machten die Frauen als sie von der Auferstehung hörten? Wo und wem erschien Jesus danach?

Kann man den Wunderberichten über Jesus trauen?

Die Berichte über Wunder von Jesus stammen alle von seinen Anhängern und nicht von Historikern. Nirgendwo steht, dass der Messias anhand von Wundern erkannt werden soll. Wunder konnten auch andere Personen vollbringen (z. B. die Magier bei Mose, Elia udgl.). Laut 5. Mo. 13,2-6 schickt Gott auch falsche Propheten die Wunder tun können, um das Volk zu prüfen.

Warum glauben Juden nicht, dass Jesus der Messias ist?

Die Frage wurde oben eigentlich schon beantwortet, weil Jesus nicht das erfüllt hat was den Messias auszeichnet[51]. Hier soll aber noch ein weiterer Grund betrachtet werden, nämlich dass das oberste Gebot bei den Juden ist, dass es nur einen Gott geben kann.

In 4. Mo. 23,19 heißt es: „Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch der Sohn eines Menschen, dass er bereue.“

Das AT macht deutlich, dass Gott kein Mensch sein kann. Gott ist noch nicht der Menschensohn. Da das NT dies aber behauptet[52], wiederspricht es dem AT.

5. Mose 6,4: „Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!

Jes. 43,10 „Vor mir wurde kein Gott gebildet, und nach mir wird keiner sein.“

Jes. 45,5 „Ich bin der HERR und sonst keiner. Außer mir gibt es keinen Gott.“

Auch hier, und an vielen anderen Stellen, wird deutlich, dass es außer JHWH keinen Gott geben kann. Die Dreieinigkeit, so wie sie im frühen 3. Jhdt. von Tertullian entwickelt wurde, wiederspricht demnach dem AT.

5. Mose 4,39-40: „So erkenne denn heute und nimm dir zu Herzen, dass der HERR der <alleinige> Gott ist im Himmel oben und auf der Erde unten, keiner sonst! Und halte seine Ordnungen und seine Gebote, die ich dir heute gebiete, damit es dir und deinen Kindern nach dir gut geht und damit du deine Tage verlängerst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir für immer gibt.“

Hier ist die Aussage, dass es nur einen Gott geben kann, noch damit verknüpft seine Gebote zu halten. Wenn also Paulus in Röm. 10,4 behauptet, das Christus das Ende des Gesetzes ist und Christen die AT Gebote nicht mehr halten müssen, dann wiederspricht das dem AT in welchem deutlich gesagt wird, dass Gottes Gebote ewig sind (siehe auch 3. Mo. 7,36; 16,34; 5. Mo. 29,28; Ps. 119,44.112; Jes. 24,5).

Die messianische Nichterfüllung, die Trinitätslehre und das Nichteinhalten der jüdischen Gebote ist demnach der Hauptgrund, warum Juden Jesus und die christliche Lehre heutzutage ablehnen.

Weiter Gründe und detailliertere Darstellungen findet man in folgenden YouTube-Kanälen:

Und in dem Buch "Let's Get Biblical!: Why doesn't Judaism Accept the Christian Messiah?"


Fußnoten

[1] In selten Fällen werden auch Propheten gesalbt z. B. in 1. Kö. 19,16.

[2] Jesaja 53 wird später behandelt.

[3] Simon bar Kochba war ein Heerführer im jüdischen Bar-Kochba-Aufstand (132 - 135 n. Chr.), der von Rabbi Akiba als Messias ausgerufen wurde (T. Jerischalmi Taanith 68d).

[4] Wie soll man sich das physisch und biologisch vorstellen? Wie sah die Zygote aus? Hatte Jesus ein Y-Chromosom? Wenn ja, woher?

[5] Eine US-amerikanische Studie (BMJ 2013;347:f7102) aus dem Jahr 2013, in welcher über 7000 Frauen über einen Zeitraum von 14 Jahren befragt wurden, stellte fest, dass 1 von 200 schwangeren Frauen angaben bei der Schwangerschaft noch Jungfrau gewesen zu sein.

[6] Im 2. Jhdt. gab es auch eine christliche Strömung, die sog. Adoptianisten, die meinten Gott hätte Jesus bei der Taufe adoptiert. Siehe: Adoptianismus

[7] Auf dieses falsche Verständnis des Wortes haben auch schon Juden in der frühen Kirchengeschichte hingewiesen und sich darüber mit den Kirchenvätern gestritten. Siehe Justin, Dialogus cum Tryphone Judaeo 71.1–4 oder Johannes Chrysostomus Matthaeumhomiliae 5.2-3 = 5.4

[8] In den späteren LXX-Revisionen von Theodotion und Aquila wurde das Wort παρθένος mit νεᾶνις (junge Frau) ersetzt. Siehe Irenäus, Adversus haereses 3.21.1

[9] Das hebräische הָעַלְמָה hat den bestimmten Artikel, demnach kann man annehmen, dass Ahas wusste um welche Frau es geht.

[10] Auch die LXX macht das deutlich, wenn sie schreibt „Und du Bethlehem, Haus von Ephratha, sehr klein bist du, um unter den Tausenden Judas zu sein.“

[11] Eine Statthalterschaft des Quirinius in Syrien ist erst ab 6 n. Chr. belegt. Herodes der Große starb aber bereits 4 v. Chr. Dem biblischen Bericht nach müssten aber beide zur selben Zeit regiert haben.

[12] Die meisten modernen Herodes-Biographen lehnen die Geschichte als Erfindung ab.

[13] Er beauftrage alle männlichen Kinder unter 2 Jahren in Bethlehem und im umliegenden Gebiet zu ermorden.

[14] Das Wort ist ein Partizip.

[15] Vermutlich deswegen, weil „Vater der Ewigkeit“ nicht auf Jesus passt und Jesus auch niemals so genannt wurde wie es in dem Vers prophezeit wird. Außerdem kürzt die LXX diesen Vers stark.

[16] Die Verben stehen deswegen in der Vergangenheitsform (Aorist = abgeschlossene Handlung).

[17] Die Aussage in V. 14 „Tote werden nicht lebendig“ bezieht sich vermutlich auf die Herrscher in V. 13. Auch wenn die LXX diese Deutung nicht unterstützt, so ist es doch die einzig mögliche Deutung, da es sonst genau das Gegenteil von V. 19 aussagen würde.

[18] Daniel Kolenda

[19] Gesenius, W., Zimmern, u.a. (1915). F. Buhl (Hrsg.), Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament (Sechzehnte Auflage). Leipzig: F. C. W. Vogel.

[20] Hier geht es eigentlich um zwei Tiere, auf denen der König reitet. Eine Eselin (feminin) und ihrem Fohlen (maskulin).

[21]Dieser Vers enthält zahlreiche Varianten, weil die Schreiber der Handschriften offensichtlich das Missverständnis ausschalten wollten, Jesus sei auf zwei Tieren geritten“ in Maier, Gerhard. (2017). Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 15–28. Witten; Gießen: SCM R. Brockhaus; Brunnen Verlag. S. 243

[22] Die LXX hat hier den Plural ποιμένας (Hirten).

[23] Das Wort σκανδαλισθήσεσθε bedeutet eigentlich „zu Fall kommen“ oder „von ihm abwendet und in Sünde fallen“

[24]A Text without a Context is Pretext” heißt es in einem englischen Sprichwort.

[25] Ein Targum ist eine Übersetzung ins Aramäische, wobei die Übersetzung nicht wortwörtlich erfolgt, sondern ähnlich wie bei einem Midrasch, interpretiert und kommentiert wird.

[26] Hier der ganze Text auf Deutsch

[27] Contra Celsum I, 55

[28] Luther 2017 übersetzt hier „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen“. Die Fußnote der Elberfelder Bibel liest „o. erfolgreich sein“.

[29] Wörtlicher wäre „Wer glaubte der Botschaft an uns“.

[30] Das Wort hier ist nicht dasselbe welches in Jes. 11,1 verwendet wird.

[31] Das Wort steht hier eigentlich ohne Bezug. Die große Jesajarolle 1QJesa hat darum noch ein ו („und“) vor dem Wort.

[32] Siehe die Übersetzung von הִפְגַּ֣עְתִּֽי בְךָ֗ in Jeremia 15,11 („und will euch zu Hilfe kommen“).

[33] Das Wort נגשׂ heißt eigentlich bedrängen bzw. bedrücken.

[34] Die Stelle steht im Widerspruch zu Mt. 27,11-14, wo Matthäus behauptet Jesus habe vor Pilatus geschwiegen.

[35] Man richtet sich hier nach einem einzigen Textfund aus Qumran. Die große Jesajarolle 1QJesa hat hier עַמֹּו stehen (sein Volk). Die Jesajarolle 1QJesb uns die Rolle 4Q58 bezeugen aber עַמִּי, mein Volk. Auch die LXX übersetzt λαοῦ μου (mein Volk).

[36] Nach Gesenius (Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament, 16. Auflage) ist לָמוֹ eine poetische Form von לָהֶם. Siehe die plurale Verwendung in Jes. 16,4; 30,5; 48,21.

[37] Die große Jesajarolle 1QJesa hat hier den Plural ויתנו „Und sie gaben“.

[38] Luther und Menge übersetzen hier mit „Übeltäter“.

[39] Nur Matthäus berichtet, dass Josef von Arimathia reich war (Mt. 27,57). Er ist auch der einzige der berichtet, dass Josef selbst das Grab ausgehauen hat, wobei man sich die Frage stellen kann, warum ein angesehener Ratsherr Steingräber aushaut. Der Bericht in Johannes 19,41 liest sich hingegen eher so, wie wenn das Grab nicht in seinem Besitz war, sondern eher zufällig ausgewählt wurde (vielleicht auch nur vorübergehend als Zwischengrab).

[40] Wörtlich „Seele“, so wie im nächsten Vers.

[41] Hier steht übrigen Schuldopfer und nicht Sündopfer.

[42] Das Wort bezieht sich immer auf physische Nachkommen und nicht auf geistliche.

[43] Ob Jesus wirklich im Grab eines Reichen gelegen ist, kann man nicht mehr nachprüfen.

[44] Geisler, Norman L; Howe T., 2018. Antworten auf schwierige Fragen zur Bibel. Dillenburg: CSV. S. 407-408

[45] Die hebräische Präposition לְ ist hier eindeutig. לְ kann einiges bedeuten aber nicht „aus“, dafür gibt es die Präposition מִן.

[46] Hebr. פּשׁע. Die bessere Übersetzung lautet „Übertretung“ oder „Vergehen“.

[47] https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%B6nme

[48] Ein Rabbiner der Chabad-Bewegung, einer chassidischen Gruppierung innerhalb des orthodoxen Judentums, welcher von seinen Anhängern als Messias anerkannt wurde.

[49] Ein indischer Guru, der von seinen Anhängern als Gott verehrt wurde. Er hatte zig Millionen Anhänger.

[50] Interessanterweise beruft Jesus sich nicht auf das Zeichen der Jungfrauengeburt. Wenn sich Jes. 7,14 auf Jesus beziehen würde, und die Jungfrauengeburt das Zeichen ist, warum erwähnt Jesus es dann nicht?

[51]Die Rabbinen sind sich darin einig, daß der Messias ein menschliches Wesen sein wird, beauftragt, die ihm zufallende Sendung auszuführen. Der Talmud läßt nirgends an einen übermenschlichen Messias denken.“ in Alain Goldmann, Die messianische Vision im rabbinischen Judentum. in: Ekkehard Stegemann (Hrsg.), Messias-Vorstellungen bei Juden und Christen, Stuttgart: Kohlhammer, 1993. S. 59

[52] Bart D. Ehrman zeigt in seinem Buch „How Jesus Became God“, wie die NT-Schreiber Jesus zu einem göttlichen Wesen machen. Die früheren Evangelien wie Matthäus, Markus und Lukas zeigen nicht, dass Jesus für einen Gott gehalten wurde, erst die späteren Texte, vor allem das Johannesevangelium und die Johannesbriefe versuchen Jesus als Gott darzustellen. Siehe dazu auch die Kurzfassung im Video: https://www.youtube.com/watch?v=7IPAKsGbqcg