Wann war Paulus in Jerusalem und wen traf er? (Galater 1,18-19)

Im Galaterbrief findet man ab Vers 17 eine Webbeschreibung von Pauls, wohin er wann nach seiner Bekehrung ging. Dort heißt es, dass er nach seiner Bekehrung nicht nach Jerusalem ging, sondern sogleich nach Arabien ging und dann nach Damaskus zurückkehrte.

Nach 3 Jahren besuchte er zum ersten Mal Jerusalem und blieb dort 15 Tage und traf nur Kephas (Simon Petrus) und Jakobus. Dass er keinen anderen Apostel traf wird explizit in V. 19 erwähnt. Danach zieht er in die Gegend von Syrien und Zilizien. Nach 14 Jahren zog er wieder nach Jerusalem (zusammen mit Barnabas und Titus) und begegnet dort den Aposteln (Kap. 2,9). Vermutlich fand zu diesem Zeitpunkt das Apostelkonzil aus Apg. 15 statt. Danach besucht Kephas ihn in Antiochia.

Seine Reiserute sah demnach so aus:

Damaskus > Arabien > Damaskus > Jerusalem > Syrien und Zilizien > Jerusalem (Apostelkonzil) > Antiochia

In der Apostelgeschichte Kapitel 9 liest man eine etwas andere Darstellung:

Paulus bleibt nach seiner Bekehrung erstmal in Damaskus (V. 19). Er predigt das Evangelium viele Tage und die Juden versuchen ihn umzubringen. Daraufhin muss er flüchten (V. 25). Im nächsten Vers liest man, dass er nach Jerusalem ging. Aufgrund des Leseflusses und Textzusammenhangs würde man doch meinen, dass er nach seiner Flucht aus Damaskus nach Jerusalem ging. Dort ist er noch relativ unbekannt, demnach muss sich die Begeben innerhalb der ersten Monate oder max. Jahre abgespielt haben. In Jerusalem bringt ihn Barnabas zu den Aposteln (V. 27) und er erzählt ihnen, wie er sich bekehrt hat und das er in Damaskus das Evangelium verbreitet hat. Der Vers 28 legt nahe, das er länger Zeit in Jerusalem blieb. Danach zog er nach Cäsarea und weiter nach Tarsus. Die Apostelgeschichte richtet den Blick dann in Kap. 10 auf Petrus und Paulus taucht erst wieder in Apg. 11,25 auf. Er befindet er sich in Tarsus und wird von Barnabas nach Antiochia geholt. Wegen einer Hungersnot wird dann eine Geldspende von Antiochia nach Jerusalem geschickt. Diese wird von Barnabas und Pauls den Ältesten in Jerusalem überreicht (V. 30; 12,25). Zurück in Antiochia beginnt Paulus dann seine erste Missionsreise. Danach zieht er in Kap. 15 zum Apostelkonzil nach Jerusalem und von dort wieder zurück nach Antiochia.

Seine Reiserute sah demnach so aus:

Damaskus > Jerusalem > Cäsarea / Tarsus > Antiochia > Jerusalem > Antiochia > 1. Missionsreise > Antiochia > Jerusalem (Apostelkonzil) > Antiochia

Abgesehen von den unterschiedlichen Ortsangaben und den zeitlichen Problem ist das Hauptproblem hier folgendes: Laut Galaterbrief traf Paulus, als er Jerusalem zum ersten Mal besucht (für 15 Tage), nur Petrus und Jakobus. In der Apostelgeschichte hingegen trifft er aber Barnabas und die Apostel und bleibt auch längere Zeit dort. Beides kann nicht stimmen und der Versuch einen unerwähnten Jerusalembesuch zu erfinden wird dem Text nicht gerecht.


Galater 1,18-19
Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Ich sah aber keinen anderen der Apostel, außer Jakobus, den Bruder des Herrn.
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Apostelgeschichte 9,26-27
Als er aber nach Jerusalem gekommen war, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen; und alle fürchteten sich vor ihm, da sie nicht glaubten, dass er ein Jünger sei. Barnabas aber nahm ihn und brachte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie er auf dem Wege den Herrn gesehen habe, und dass derselbe zu ihm geredet, und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu gesprochen habe.
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« Stephanus und das fiktive Grab Abrahams in Sichem


Lösungsvorschläge

Von: Frithjof
◷ 9 September
(vor 3 Wochen)

Die Paulinsche Theologie wurde kritisiert, weil sie nicht immer mit der Lehre der Apostel übereinstimmt. Deshalb behauptet Paulus in Galater 1, er hätte sie nicht von den Aposteln sondern von Jesus direkt erhalten. In den Paulusbriefen steht die Meinung von Paulus und nicht immer die Wahrheit. Die Paulusbriefe haben den Frauen viel Leid gebracht. Wir wissen nicht, wer sie geschrieben hat.

Von: Till Jeske
◷ 25 Juli
(vor 2 Monaten)

Es handelt sich hier nicht um ein Problem, da keine widersprüchlichen Behauptungen vorhanden sind. Während der Galaterbrief eine Primärquelle ist, ist die Apostelgeschichte eine Sekundärquelle, heißt, ein zusammengetragener Bericht aus Primärquellen. Lösungsvorschläge könnte sein: Die Apostel in Apg waren eben nicht alle Apostel sondern nur Petrus und Jakobus.

Von: Markus M.
◷ 25 Juli
(vor 2 Monaten)

Doch der Widerspruch ist offensichtlich, denn die Orte passen nicht zusammen.

Dass Paulus in der Apg. nur zwei Apostel getroffen hat ist vom Kontext her unwahrscheinlich. Es steht ja "Barnabas aber nahm ihn und brachte ihn zu den Aposteln". Warum sollte Lukas den Begriff "Apostel" verwenden, wenn es sich hier lediglich um Petrus und Jakobus handelt?

Lesen Sie doch mal Apostelgeschichte 9,26-27: "Und er ging mit ihnen aus und ein in Jerusalem und sprach freimütig im Namen des Herrn. Und er redete und stritt mit den Hellenisten; sie aber trachteten, ihn umzubringen. Als die Brüder es aber erfuhren, brachten sie ihn nach Cäsarea hinab und sandten ihn weg nach Tarsus." Das klingt nicht danach als wäre das nur ein Kurzaufenthalt gewesen.

 

Von: Till Jeske
◷ 25 Juli
(vor 2 Monaten)

Ihre Behauptung, der Widerspruch sei „offensichtlich“ kann ich nicht teilen. Ich gebe zu, dass ein Widerspruch bestehen kann und, dass Ihre Begründung nicht unplausibel ist. Meine Erklärung liegt aber ebenfalls im Bereich des Möglichen, auch wenn sie vorerst weniger plausibel scheint.

Beachten Sie aber folgendes: Da Paulus und Lukas Gefährten waren, also viel Zeit miteinander verbracht haben, und insbesondere Lukas zur Zeit des Verfassens seiner Apostelgeschichte mit und bei Paulus war, muss dieser scheinbare Widerspruch ja irgendwie erklärbar sein. Warum sollte sich Lukas mit Paulus nicht über diesen Punkt ausgetauscht haben? Der Galaterbrief existierte zum Zeitpunkt des Verfassens der Apostelgeschichte schon (da sind sich die Gelehrten ausnahmsweise einig), also ist es sehr wahrscheinlich, dass Lukas diesen kannte. Warum sollte er dann einen Widerspruch in seinem Bericht erzeugen?

Es muss also eine Erklärung hierfür geben. Wer weiß denn, ob die anderen Jünger überhaupt zu dem betreffenden Zeitpunkt in Jerusalem waren? Ich denke, dass der Galaterbrief die detaillierte Beschreibung ist und die Apostelgeschichte die ungefähre. Lukas hat die Details hinsichtlich Arabien (zwischen zwei Damaskusaufenthalten) und hinsichtlich der Frage, welche Apostel Paulus denn genau getroffen hat, und auch wie lange genau Paulus beim ersten Mal in Jerusalem war ausgelassen, weil er davon ausgehen konnte, dass diese Details ja schon aufgrund des bereits seit Jahren kursierenden Galaterbriefes bekannt waren. Und hat nur dann Details hinzugefügt, wenn diese bei Paulus wiederum fehlten. So nach dem Motto: „Paulus, sag mal, du hast im Brief geschrieben, dass du dann erst nach 14 Jahren wieder in Jerusalem warst, was hast du zwischendurch noch so gemacht, kann doch nicht sein, dass du nur in Syrien und Zilizien warst? Schreib mir wo du noch warst, das schreibe ich dann im Detail auf“. Auch hier besteht nicht notwendigerweise ein Widerspruch. Wir haben öfters in den Berichten des NTs scheinbare Widersprüche, wenn Details abweichen, zB. die unterschiedlichen Berichte der synoptischen Evangelien über das Entdecken des leeren Grabes. Beim genauen Hinschauen schließen sich die Berichte aber nicht aus (sind also nicht widersprüchlich), sie variieren nur in den Details. Nur weil Matthäus neben den zwei Marias keine weiteren Frauen erwähnt, die aber Lukas erwähnt, muss das nicht heißen, dass die anderen Frauen nicht anwesend waren.

Also: Meiner Meinung nach sind die Berichte komplementär, nicht konträr. Kontrarietät würde aufgrund der Beziehung zwischen den beiden Autoren keinen Sinn machen.