Von 70 Personen auf 2 Millionen in nur 4 Generationen? (1. Mose 15,16)

Gott prophezeit Abraham, dass seine Nachkommen 400 Jahre lang in einem fremden Land unterdrückt werden. Nach 4. Generationen (nach Abraham) sollen diese wieder ins Land Israel zurückkehren.

In 4 Generationen kann jedoch aus 70 Personen (1. Mose 46,27) kein Volk von 2-3 Millionen (2. Mose 38,26; 4. Mose 1,46) werden.


1. Mose 15,16
Und im vierten Geschlecht werden sie hierher zurückkehren; denn die Ungerechtigkeit der Amoriter ist bis hierher noch nicht voll.
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Lösungsvorschläge

Von: Daniel Nixdorf
◷ 21 September
(vor 4 Wochen)

Erklärungsmöglichkeit:

 

„Die Frage ist natürlich, wie plausibel ein Bevölkerungswachstum von 75 Männern plus Familien auf ungefähr zwei Millionen Israeliten beim Auszug aus Ägypten ist. Wir scheitern hier mit unserer Vorstellungskraft, da Exponentialfunktionen (und diese kommen bei biologischem Wachstum zum Tragen!) uns jedes Mal extrem überraschen. Denken wir nur an das Schachbrett, wo wir auf das erste Feld ein Reiskorn legen, und bei jedem weiteren Feld jeweils die doppelte Menge an Reiskörnern. Das sind am letzten Feld 2 hoch 64 Reiskörner oder 18.446.744.073.709.551.616!

 

Auf Creationwiki hat jemand die Berechnungen erklärt. Ich fasse zusammen: Die Israeliten hatten damals noch eine Lebenserwartung von bis zu 100 Jahren (Mose wurde 120). Das durchschnittliche Alter der drei Generationen vor Mose war 135 Jahre. Dementsprechend länger war man damals auch fruchtbar und konnte sich intensiver vermehren. Auch waren besonders bis zur Zeit der Geburt des Moses, als sie überhandnahmen und versklavt wurden, die Lebensbedingungen im Nildelta hervorragend.

 

Um in diesen 215 Jahren auf drei Millionen (zwei würden auch passen, aber der Autor rechnete auf drei), genügt eine jährliche Geburtenrate von 57 Geburten pro 1000 mit 11 Sterbefällen pro Jahr. Das ist realistisch; es ist nur das Doppelte [Anm: ca. 8 Kinder im Schnitt pro Paar] der durchschnittlichen Geburtenrate weltweit [Anm.: ca. 4 Kinder im Schnitt pro Paar]. In 430 Jahren [Anm.: allein in Ägypten wie im Masoretischen Text] wäre Israel weit über das biblische Maß hinaus gewachsen. Außerdem fehlen in der Genealogie von Moses und Aaron weitere Glieder, um einem Zeitraum von 430 Jahren zu entsprechen.

 

Dr. Neidhart gibt dem im Wesentlichen Recht: „Das Problem ist also, ob und gegebenenfalls wie ein Bevölkerungswachstum von 140 auf 2,5 Millionen in 214 Jahren [Anm.: laut Septuaginta und Samaritanischen Pentateuch] möglich ist. Dies ist wider Erwarten tatsächlich auf natürliche Weise möglich.“ [Neidhart, Pentateuch Vorlesung 2018 S. 16]

 

Und zwar so: „Wenn sich die Bevölkerung alle 30 Jahre mindestens vervierfacht (das wäre z.B. der Fall, wenn jedes Paar im Laufe von 30 Jahren acht Kinder bekommt und dann stirbt; man beachte, dass in der Antike Mädchen oft schon mit zwölf Jahren ihr erstes Kind bekamen, dann sechs Jahre lang optimal gebärfähig waren und dann ab dem Alter von 30 Jahren kaum noch Kinder bekamen), so hätte man ausgehend von 140 Personen nach 30 Jahren 560 Personen, nach 60 Jahren 2240 Personen, nach 90 Jahren 8960 Personen, nach 120 Jahren 35.840 Personen, nach 150 Jahren 143.360 Personen, nach 180 Jahren 573.440 Personen, und nach 210 Jahren 2.293.760 Personen, also schon fast die erforderlichen 2,5 Millionen. Um den genauen Wert für die Bevölkerung nach 214 Jahren zu bekommen, kann man die exponentielle Wachstumsformel benutzen: Nach n Jahren beträgt eine Anfangspopulation von 140 bei einem gleichmäßigen Wachstum derart, dass sich die Population alle 30 Jahre vervierfacht, 140 hoch (4 mal n/30) Individuen; für n = 214 ergibt sich die Zahl 2.759.451 Personen, also mehr als die erforderlichen 2,5 Millionen. Aus einem einzigen Stammelternpaar entstehen in 214 Jahren auf diese Weise 2 hoch (4 mal 214/30) = ca. 39.421, also ca. 40.000 Personen. Dass ein Paar, das es darauf anlegt, viele Kinder zu bekommen, tatsächlich leicht acht Kinder bekommen kann, ist bekannt. In Ruanda lag die durchschnittliche Kinderzahl 1970 sogar bei 8,2 und in Kenia bei 8,1; im Irak lag sie 1950 ebenfalls bei 8,1, und im Niger lag sich noch 2016 bei 7,6. Bei den ultra-orthodoxen Juden im heutigen Israel (dem sog. charedischen Judentum) lag sie zwischen 2012 und 2014 immerhin bei 6,9.“ [Neidhart, Pentateuch Vorlesung 2018 S. 16]

 

Würde ich den Masoretentext deswegen(!) verwerfen, wenn ich ein Verfechter desselben wäre? Wahrscheinlich nicht, aber ich würde ihn bei dieser historischen Frage nicht mehr als Autorität zitieren können und müsste die LXX oder Flavius Josephus konsultieren. Wiederum: Es ist kein Fehler der Inspiration oder Gottes, es ist ein Fehler in der Überlieferung, der sich verfestigt hat.“
https://www.bod.de/buchshop/das-christliche-alte-testament-alexander-basnar-9783751981255

Von: Markus M.
◷ 21 September
(vor 4 Wochen)

Der Erklärungsvorschlag funktioniert vielleicht rein theoretisch unter Laborbedingungen. Hier wird in der Berechnung aber auf Kinder- und Jugendsterblichkeit völlig vergessen. Dass die Lebenserwartung damals, unter schlechteren hygienischen und medizinischen Voraussetzungen, höher war als heute, ist unwahrscheinlich. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass Familien, die ja in ägyptischer Sklaverei waren, so viele Kinder bekamen.

Ein Blick nach Afrika oder zu den ultra-orthodoxen Juden (die viele Kinder bekommen) zeigt ja, dass eine solche Vermehrungsrate praktisch nicht funktioniert.

Von: Daniel Nixdorf
◷ 21 September
(vor 4 Wochen)

Das mag sein, vielleicht aber ja auch nicht. Allein das man unter Laborbedingungen dahin käme - und das in 215 Jahren statt 430 Jahren - ist ja schon erstaunlich. Natürlich gehört aber der sicherlich notwendige Glauben an Wunder dazu, der grundlegend für viele der biblischen Geschichten notwendig ist - insbesondere hier das Wohlergehen und die Vermehrung des auserwählten Gottesvolkes Israel.