Wann war das letzte Abendmahl und wann starb Jesus? (Johannes 19,14)

Der Abend vor der Kreuzigung und die Hinrichtung selbst wird in allen vier Evangelien überliefert. Jedoch weicht das Johannesevangelium deutlich von den anderen Synoptikern (Matthäus, Markus, Lukas) ab. Besonders eindrücklich wird das, wenn man sich auch anschaut, wann das letzte Abendmahl gefeiert wurde.

Johannes Bericht über das letzte Mahl findet man in Kapitel 13. Das Essen (gr. δείπνου) beginnt mit der Fußwaschung, danach folgt die Bezeichnung von Judas Iskariot als Verräter. Jesus gibt ihm einen Bissen Brot, der Satan fährt in Judas (V. 27) und Judas verlässt das Abendessen bei Nacht (V.30).

Interessant hier ist, dass die restlichen Jünger glaubten Judas verlässt das Abendessen, um etwas für das Passafest zu kaufen (V.29). D.h. das Passafest und das Passamahl liegen noch in der Zukunft. Nach einer längeren Ansprache (Kap. 14-17) machen sich Jesus und die elf Jünger auf zum Garten Gethsemane (Kap. 18,1) wo sie wieder auf Judas stoßen. Jesus wird gefangengenommen und zum Verhör gebracht. Zuerst zum Hohepriester Hannas und dann frühmorgens (V. 28) zu Kaiphas und weiter zu Pilatus. Auch hier finden wir wieder eine interessante Anmerkung. „Und sie (die Juden) gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie sich nicht verunreinigten, sondern das Passamahl essen konnten“ (Joh. 18,28b). Wieder sehen wir, dass das Passa (also die Schlachtung des Lammes) noch in der Zukunft liegt.

Welcher Tag war es nun also, als Jesus vor Pilatus erschien? Die Antwort findet man in Kap. 19,14: „Es war aber Rüsttag des Passah; es war um die sechste Stunde“. Der Rüsttag ist normalerweise der Tag vor dem Sabbat. So auch hier, aber zusätzlich war es auch der Rüsttag des Passa, also der Tag an dem das Passalamm geschlachtet wurde, der 14. Nisan. Strack & Billerbeck schreiben dazu: „Der entsprechende hebräische Terminus ist עֶרֶב פֶּסַח; er bedeutet ‚Vortag oder Rüsttag auf das Passahfest‘ u. bezeichnet als Monatsdatum gebraucht den 14. Nisan. Die Bedeutung dieses Terminus ist so feststehend, daß irgendeine Ausnahme geradezu undenkbar erscheint. Wie wir unter ‚Weihnachtsheiligabend‘ nur den 24. Dezember verstehen, so hat ein Jude unter ערב פסח nie etwas andres als den 14. Nisan verstanden.“ Da der Sabbat direkt auf das Passa folgte steht in Joh. 19,31 steht: „denn der Tag jenes Sabbats war groß“.

Was genau mit sechster Stunde gemeint ist, ist nicht eindeutig. Man könnte von Mitternacht wegrechnen, dann wäre es um ca. 6 Uhr in der Früh (Joh. 18,28 würde dazu passen) oder man könnte von Sonnenaufgang wegrechnen, dann wäre es ca. 12 Uhr mittags (Joh. 4,6 würde dazu passen). Aber egal welche Uhrzeit es war, es war jedenfalls der Tag vor(!) dem Sabbat. Dies bestätigt auch nochmals Joh. 19,31 und 42: „Die Juden nun baten den Pilatus, damit die Leiber nicht am Sabbat am Kreuz blieben, weil es Rüsttag war“.

Datum der Kreuzigung Jesu nach Johannes

Johannes der Jesus als Lamm Gottes sieht (Joh. 1,29.36), sieht Jesus auch hier als das Passalamm, welches geschlachtet wird (Joh. 19,36).

Betrachtet man nun die Synoptiker (Matthäus, Markus, Lukas) merkt man auffällige Unterschiede.

Laut Matthäus handelt es sich beim letzten Essen eindeutig um das Passamahl (Mt. 26,17-18). Bei diesem Mahl findet die Bezeichnung von Judas Iskariot als Verräter statt (vgl. Mt. 26,21 mit Joh. 13,21) und die Ankündigung der Verleugnung durch Petrus (vgl. Mt. 26,34 mit Joh. 13,38).

Als Jesus im Garten Gethsemane gefangen genommen wird, wird er direkt zu Kaiphas geführt, im Gegensatz zur Darstellung bei Johannes, wo er zuerst zu Hannas gebracht wird. Später wird er zu Pilatus gebracht, welchem „er auch nicht auf ein einziges Wort antwortete“ (Mt. 27,14), im Gegensatz zu Joh. 18,33-38 wo Jesus mit Pilatus sehr wohl plaudert. Die Geißelung und Demütigung Jesu mit Dornenkrone und roten Mantel findet bei Matthäus am Ende der Verhandlung statt (Mt. 27,26ff), also als Jesus bereits das Todesurteil erhalten hat. Bei Johannes hingegen findet es mitten in der Verhandlung statt (Joh. 19,1ff). Pilatus präsentiert dem Volk den gegeißelten Jesus und erhofft sich dadurch, dass sie sich damit begnügen. Das Volk aber schreit weiterhin, dass er sterben muss (Joh. 19,5-15). Die Präsentation Jesus und die weitere Forderung der Juden, dass Jesus unbedingt nach ihrem Gesetz gekreuzigt werden muss, würde keinen Sinn machen, wenn Jesus bereits verurteilt wäre (so wie es Matthäus beschreibt).

Nach Matthäus wird Jesus gekreuzigt, hängt zwischen der sechsten und neunten Stunde am Kreuz und stirbt um die neunte Stunde (Mt. 27,46). Wohingegen er bei Johannes noch um die 6. Stunde bei der Verhandlung bei Pilatus war.

Bei Markus bekommt man folgende Darstellung:

Das Passa wird, wie bei Matthäus (Mt. 26,17), am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote geschlachtet: „Und am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote, als man das Passahlamm schlachtete, sagen seine Jünger zu ihm: Wohin willst du, dass wir gehen und bereiten, damit du das Passahmahl essen kannst?“ (Mk. 14,12). Dies war der 14. Nisan (vgl. 3. Mo. 23,5; 5. Mo. 16,4-6; 2. Chr. 35,1). Sie bereiten das Passa vor (schlachten, ausnehmen und zubereiten des Passalammes) und essen es am Abend, also nach jüdischer Zeitrechnung am 15. Nisan. Bezeichnung des Verräters und Ankündigung der Verleugnung findet wie bei Matthäus statt, ebenso die Gefangennahme und das Verhör. Beim Gang zum Kreuz findet man noch eine interessante Bemerkung. Simon von Kyrene kommt vom Feld (Mk. 15,21), also von der Arbeit. Demnach war der 15. Nisan ein normaler Arbeitstag (nämlich der Rüsttag). Man erhält noch das Detail, dass Jesus um die 3. Stunde gekreuzigt wurde (V. 25), also höchstwahrscheinlich am Vormittag.

Am Abend (spät am Nachmittag), es ist noch immer Rüsttag (V. 42), bat Josef von Arimathäa um den Leichnam Jesu. Dass der Sabbat noch nicht angebrochen war, zeigt die Tatsache, dass er noch feines Leinentuch kaufen konnte (V. 46). Demnach muss dann der darauffolgende Tag, der 16. Nisan, ein Sabbat gewesen sein und der 17. Nisan der Tag der Auferstehung (Mk. 16,1).

Die Darstellung der Synoptiker, vor allem bei Markus, sieht so aus:

Datum der Kreuzigung Jesu nach den Synoptikern

Bei Lukas wird ebenfalls gesagt, dass es sich bei dem Abendmahl um das Passamahl handelte: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, ehe ich leide.“ (Lk. 22,15). Gefangennahme und die Verleugnung durch Petrus werden ähnlich beschrieben wie bei Matthäus und Markus. Bei Lukas wird Jesus dann aber in der früh (als es Tag wurde) in den Hohen Rat gebracht (Lk. 22,66). Dies geschieht bei Markus (Mk. 14,55ff) und bei Matthäus (Mt. 26,59) jedoch bereits in der Nacht und nicht am Tag, was einen weiterer Wiederspruch darstellt. Bei Lukas taucht auch noch Herodes auf, welcher ihm ein glänzendes Gewand umhängt und ihn wieder zurück zu Pilatus schickt. Das glänzende Gewand und der Besuch bei Herodes erwähnen die anderen Evangelisten nicht.

Wenn man davon ausgeht, dass Gottes Geist die Bibel inspiriert hat (was auch immer das zu bedeuten hat), kann man sich hier die Frage stellen, warum dann so viele Unterschiede und Ungereimtheiten in den Evangelien auftreten und warum der Heilige Geist es hier nicht schafft einen einheitlichen Bericht zu liefern. Dass gerade die Stellen um die Kreuzigung Jesu enorme zeitliche Unterschiede aufweisen, die nicht zu harmonisieren sind gibt auch Gerhard Maier zu: Matthäus 26Vers 17 bringt uns sofort in die Datierungsproblematik: Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote … Das griech. τῇ πρώτῃ [tē prōtē] muss ergänzt werden durch ἡμέρᾳ [hēmera]. Aber welcher Tag ist nun genau gemeint? Die Berichte der Synoptiker und des Johannes lassen sich nicht ohne Weiteres vereinigen. Wurde Jesus am Tag der Opferung der Passalämmer getötet? Dann kann er kein normales Passamahl gehalten haben. Johannes sagt dann auch klipp und klar: „Vor dem Passafest“ (πρὸ τῆς ἑορτῆς τοῦ πάσχα [pro tēs heortēs tou pascha]) habe Jesu letztes Mahl mit den Jüngern stattgefunden (Joh 13,1.29). Oder feierte er mit den anderen Juden das reguläre Passafest? Dann wurde er erst einen Tag nach der Schlachtung der Lämmer und nach dem Passa-Essen gekreuzigt.“ (Maier, G. (2017). Das Evangelium des Matthäus: Kapitel 15–28 (G. Maier, R. Riesner, H.-W. Neudorfer, & E. J. Schnabel, Hrsg.). SCM R. Brockhaus; Brunnen Verlag. S. 520)

Ebenso deutlich sind Strack & Billerbeck: „Zwischen den Synoptikern u. dem vierten Evangelium besteht keine Differenz über den Wochentag des letzten Mahles u. der Kreuzigung Jesu. Sie stimmen darin überein, daß jenes an einem Donnerstag u. diese an einem Freitag stattgefunden hat. Die Differenz liegt in der verschiedenen Datierung dieser beiden Tage. Für die Synoptiker waren jener Donnerstag u. Freitag der 14. u. der 15. Nisan, für Johannes der 13. u. 14. Nisan.“ (Strack, H. L., & Billerbeck, P. (1922–1926). (Bde. 1–3). C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck. S 847)

Weitere Ungereimtheiten bezüglich der Auferstehung siehe: Probleme im synoptischen Auferstehungsbericht Jesu


Johannes 19,14
Es war aber Rüsttag des Passah; es war um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Siehe, euer König!
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Markus 15,42
Und als es schon Abend geworden, (dieweil es Rüsttag war, welches der Vorsabbath ist)
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