Die erfundene Flucht nach Ägypten (Matthäus 2,14)

Die Geburt Jesu wird in 2 Evangelien überliefert. Was dann aber nach der Geburt geschah, da widersprechen sich Matthäus und Lukas.

Die Geschichte beginnt bei Matthäus in Bethlehem und es scheint so als wäre das der Heimatort von Maria und Joseph. Hier wird Jesus auch nicht in einer Grippe im Stall geboren, sondern in einem normalen Haus (Mt. 2,11). Nachdem die Sterndeuter ihre Geschenke abgeliefert haben und wieder abgezogen sind, bekommt Josef im Traum den Auftrag Bethlehem zu verlassen und nach Ägypten zu ziehen (Mt. 2,13-15). Jesus verbringt seine Kindheit demnach in Ägypten, bis Herodes der Große gestorben war (4 v. Chr.). In Ägypten hat Josef wieder einen Traum und erhält den Auftrag zurück nach Israel zu ziehen.

Nun wird es spannend. Wenn Josef und Maria aus Nazareth (im Norden in Galiläa) stammten, so wie es das Lukasevangelium berichtet, wäre es doch naheliegend nach dem Aufenthalt in Ägypten auch wieder nach Nazareth zu ziehen. Jedoch liest man in Mt. 2,22 dass Joseph zurück nach Bethlehem reisen wollte, was ja auch klar ist, da Matthäus annimmt, dass das der Heimatort von Maria und Joseph ist. Erst als Joseph hörte, dass in Judäa (also im Süden, wo Bethlehem lag) Archelaus der Sohn von Herodes regierte, fürchtet er sich dorthin zu ziehen. Er erhält dann eine göttliche Weisung und zieht deswegen(!) nach Galiläa in eine Stadt namens Nazareth, wo Jesus dann aufwächst.

Wenn Joseph aber bereits ursprünglich aus Nazareth ist, wie Lukas es behauptet und nur kurz nach Bethlehem zog wegen dem Zensus, und er dort keine Verwandtschaft hatte, warum will er dann nach dem Aufenthalt in Ägypten wieder zurück nach Judäa (Bethlehem) ziehen? Das macht überhaupt keinen Sinn! Würde er von Ägypten in seine Heimat nach Nazareth ziehen wollen, dann bräuchte er sich ja gar nicht vor Archelaos fürchten, da der nicht über Galiläa herrschte.

Lukas hingegen berichtet außerdem, dass die Familie alljährlich nach Jerusalem zog, um dort das Passa zu feiern (Lk. 2,41), was ja auch vom Gesetz Moses her verpflichtend war. Wenn Josef Angst vor Archelaos hatte, warum zog er dann jährlich nach Jerusalem?

Schaut man sich nun den Bericht im Lukasevangelium an findet man folgende konträre Geschichte: Jesu Eltern stammen aus Nazareth und ziehen wegen einer Volkszählung nach Bethlehem, dort haben Sie keine Verwandten und niemanden, wo sie unterkommen können, deswegen wird Jesus in einem Stall in einer Krippe geboren (Lk. 2,7). 33 Tage später bringen die Eltern Jesus nach Jerusalem in den Tempel, um ihn darzustellen (vgl. Lk. 2,22 und 3. Mose 12,3-5). Nach der Darstellung ziehen sie zurück nach Nazareth in Galiläa (Lk. 2,39). 

Um es nochmals deutlich zu machen. Sie ziehen von Bethlehem nach Jerusalem und von dort nach Nazareth. Von einer Flucht nach Ägypten liest man hier nichts, noch schlimmer, im Bibeltext ist nicht mal Platz für eine etwaige Flucht. Wann sollte die denn nach dem Bericht im Lukasevangelium stattgefunden haben?

Interessant ist auch, dass Maria und Josef im Tempel zwei Tauben opfern. Laut 3. Mose 12,6-8 sollte normalerweise ein junges Lamm geopfert werden und nur, wenn die finanziellen Mittel dazu nicht ausreichen, darf man zwei Tauben opfern. Laut dem Bericht bei Lukas können sich die Eltern also ein Lamm nicht leisten. Dies widerspricht dem Bericht bei Matthäus, wonach ja die Weisen aus dem Morgenland ihre Schatzbehälter öffneten und der Familie Gold und andere wertvolle Sachen gaben. Die Behauptung, die Eltern wären arm, funktioniert darum nur im Lukasevangelium, denn dort liest man nichts von den Weisen und ihren Geschenken.

Es ist also offensichtlich, dass sich Matthäus und Lukas hier nicht ganz einig sind in ihrer Berichtserstattung.

Fraglich ist auch, warum Josef mit Maria überhaupt nach Bethlehem ziehen musste. Das Lukasevangelium behauptet wegen der Einschreibung (Zensus) zurzeit Qurinius. (Eine Statthalterschaft des Quirinius in Syrien ist erst ab 6 n. Chr. belegt. Herodes der Große starb aber bereits 4 v. Chr.! Dem biblischen Bericht nach müssten aber beide zur selben Zeit regiert haben.) Aber warum musste man dafür in die Geburtsstadt eines lange verstorbenen Vorfahren wandern? Was macht das für einen Sinn alle Einwohner Israels quer durchs Land zu schicken? Bei einem Zensus ist man interessiert zu erfahren, wie viele aktuelle Einwohner eine Stadt oder ein Land hat. Dabei ist es völlig irrelevant woher irgendwelche Vorfahren stammen. Man möchte die derzeit dort wohnenden Leute zählen. Und wenn Joseph aus Bethlehem stammte, warum nahm ihn dann niemand dort auf? Hatte er dort keine Verwandten mehr? Und warum musste die hochschwangere Maria mitziehen?

Die Frage stellt sich auch, warum Herodes alle Kinder in Bethlehem umbringen lassen sollte. Warum sollte er hunderte Kinder (er beauftrage alle männlichen Kinder unter 2 Jahren in Bethlehem und im umliegenden Gebiet zu ermorden) umbringen lassen und sich den Ärger der Bevölkerung zuziehen, wenn er ganz einfach einen einzelnen Königsanwärter jederzeit später beseitigen könnte? Und wer würde schon einen Haufen Kinder umbringen, nur weil ein paar Fremde, die aus dem Osten kamen, der Meinung sind, dass gerade der Messias geboren wurde?

Und letztlich ist noch interessant, was der Auslöser für den Kindermord ist. Der Auslöser des ganzen ist der Stern, dem die Weisen folgen, der sie nach Jerusalem statt nach Bethlehem führte! Man muss sich das mal vorstellen, ein von Gott gelenkter Stern, der sie ja dann schlussendlich direkt und präzise zum Haus führte, wo Jesus geboren wurde (Mt. 2,9), macht vorher einen Abstecher nach Jerusalem. Nur deswegen landen sie bei Herodes, der von der Geburt des vermeintlichen Königs Jesus überhaupt erst dadurch erfährt. Hätte der Stern die Weisen direkt vom Morgenland nach Bethlehem geführt, hätten die Kinder nicht sterben müssen. Der Tod der Kinder geht also ganz allein auf Gottes Konto, der ja offensichtlich den Stern gelenkt haben muss.


Matthäus 2,14
Er aber stand auf, nahm das Kindlein und seine Mutter des Nachts zu sich und zog hin nach Ägypten.
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Lukas 2,39
Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie nach Galiläa zurück in ihre Stadt Nazareth.
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« Wer war Josephs Vater?Lebte Jairus Tochter noch, oder war sie bereits tot? »


Lösungsvorschläge

Von: Heiner
◷ 18 März
(vor 2 Monaten)

Hallo lieber Zweifler,

ich wundere mich ein wenig, dass Dir die "Widersprüche" nicht schon viel früher aufgefallen sind, wo Du doch eine theologische Ausbildung hast!  Aber nun zur Sache:

In Matthäus erscheinen die Weisen nicht am Tag der Geburt (der Geburtstag war vermutlich der Tag, an dem sie den Stern gesehen hatten), sondern erst Monate später. Herodes erkundigt sich nach dem ersten Erscheinen des Sterns und bringt (mit großzüger Zeitabschätzung nach oben) alle Kinder bis zu 2 Jahren um. Das erklärt sehr einfach, warum Josef und Maria inzwischen nicht mehr im Stall wohnten. Ebenso fand die Beschneidung und das Opfer in Jerusalem vor dem Besuch der Weisen in Bethlehem statt. Auch die Geldfrage wäre also geklärt.  

Für die Reise nach Aegypten findet sich in Lk 2,39 "Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie nach Galiläa zurück in ihre Stadt Nazareth." durchaus implizit Raum, auch wenn Lukas sie nicht erwähnt. 

Wie lange die Zeit in Ägypten gedauert hat wissen wir nicht genau, weil der Geburtszeitpunkt Jesu unbekannt ist. Es mag eine Zahl von Monaten gewesen sein.

Rückkehr nach Nazareth oder Bethlehem: Es mag dafür sehr einfache und einleuchtende Antworten geben, warum Josef zuerst nach Bethlehem dachte zurückzukehren. Möglicherweise war das Gebot des Augustus noch nicht aufgehoben, vielleicht hatte sich Josef sich inzwischen ein Erbgrundstück in Bethlehem erworben,... Ich habe den Eindruck, dass es manchmal nur an Phantasie fehlt, wo Du Widersprüche siehst.

Gottes Wort ist zuverlässig! Jesus wird bald wiederkommen wie Er versprochen hat!  Was ist dann mit dir? Was wirst du machen, wenn plötzlich eine Reihe von Menschen hier spurlos verschwunden sind?

Von: Markus M.
◷ 3 Mai
(vor 3 Wochen)

Hallo Heiner, 

laut Lukasevangelium waren Maria und Josef 33 Tage lang in Bethlehem. Ihre Idee, die Weisen erscheinen erst Monate später passt also nicht zum Bibeltext. Warum sollte sich die Familie dort auch länger aufhalten? Sie kannten dort ja niemanden.

Wenn Josef und Maria ursprünglich aus Nazareth waren, dann hatte Josef dort wohl auch seine Werkstätte und seine Kunden. Er würde also nicht länger in Bethlehem bleiben als notwendig. Wie das Tauben-Opfer zeigt, waren sie arm und jeder Aufenthalt außerhalb des eigenen Hauses kostet Geld. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass sie länger als nötig in Bethlehem blieben.

Zu: „Möglicherweise war das Gebot des Augustus noch nicht aufgehoben“. Man wird doch sehr stark annehmen können, dass Josef die Einschreibung innerhalb der 33 Tage erledigt hat. Der wird ja nicht den ganzen Tag Däumchen gedreht haben und dann in Ägypten draufkommen, dass er den eigentlichen Grund vergessen hat, warum sie nach Bethlehem gezogen sind.

Warum sollte sich Josef ein Grundstück in Bethlehem kaufen, wenn er dort niemanden kennt? Und mit welchem Geld? Etwa mit dem Gold, dass die Weisen Jesus geopfert haben? Kein vernünftiger Mensch würde so handeln.

Zu „Gottes Wort ist zuverlässig! Jesus wird bald wiederkommen“. Dass Jesus gesagt hat, dass er bald(!) kommt, ist 2000 Jahre her. Nicht gerade der beste Beweis für seine Zuverlässigkeit. Das Gottes Wort nicht zuverlässig ist, zeigen meine Ausarbeitungen unter dem Menüpunkt „Themen“.

Von: Manuel
◷ Gestern 10:55 Uhr
(vor 1 Tag)

Ich lese nirgend etwas in der Bibel über die Menge des Goldes. Aber im Zusammenhang mit Weihrauch und Myrrhe, dazu der Text, dass die Weisen aus einer nicht jüdischen Kultur kamen, lässt doch eher darauf schliessen, dass es sich auch um Blattgold handeln konnte, welches man ja seit jeher in der Medizin verwendete.

Ausserdem heisst es ja in Math.2.11 dass Sie ihm die "Schätze opferten" demnach ist davon auszugehen, dass es verbrannt wurde und danach nichts mehr von Wert hatte.

Beste Grüsse

Von: Markus M.
◷ Gestern 11:02 Uhr
(vor 1 Tag)

Blattgold als Geschenk? Ernsthaft? Gibt’s irgendeinen Beleg für diese Annahme?

In Matthäus 2,11 steht nichts von „opfern“!
Wenn Sie sich schon auf Bibelstellen berufen, sollten Sie zumindest korrekt zitieren.

Außerdem hat die Diskussion ja nichts mehr mit dem Widerspruch an sich zu tun und die Geschichte hat Matthäus lediglich erfunden.

Von: Tony
◷ 3 Mai
(vor 3 Wochen)

Ich habe den Eindruck, dass es manchmal nur an Phantasie fehlt, wo Du Widersprüche siehst.

Genau das halte ich für ein Problem. Mit Phantasie kann man vieles Erklären. Ob das jedoch der Wahrheit entspricht ist ein anderes Thema. Jemand der die Geschichte und die Bibel ernst nimmt, wird nicht seiner Phantasie freien lauf lassen um irgendwelche Erklärungen zur produzieren. Wenn man den Text ernst nimmt, geht man nach den Fakten und dem was geschrieben steht.